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Engere Partnerschaft: Norwegen und Deutschland planen neue „industrielle Revolution“ – auch wegen China

  • Peter Sieben
    VonPeter Sieben
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Die Hannover Messe bietet immer auch einen Blick in die Zukunft. In diesem Jahr ist klar: Zwischen Deutschland und Partnerland Norwegen wird sich schon bald vieles verändern.

Oslo/Berlin – Wenn der Kanzler kommt, muss der Termin wichtig sein. Die Hannover Messe ist so ein Termin. In den letzten Jahren hat Olaf Scholz (SPD) die größte Industrie-Schau der Welt im Congress Center im schicken Zooviertel persönlich eröffnet – und dabei oft die Gelegenheit für große Versprechen genutzt: mehr Tempo bei der Energiewende, schnelle Umsetzung von LNG-Terminals. In diesem Jahr machte er schnell klar: Es geht um die Zukunft der Energieversorgung.

Hannover Messe startet: Olaf Scholz bei der Eröffnung zu Gast

Die Hannover Messe ist immer auch ein Blick in die Zukunft. Partnerland ist Norwegen, das gerade in sehr großen Schritten die grüne Transformation vorantreibt. „Pioneering the Green Industrial Transition“ heißt das Motto der Messe und beide Länder machen seit Monaten deutlich: Man will deutlich enger zusammenarbeiten und gemeinsam eine Art industrielle Revolution auf den Weg bringen.

Norwegen sieht Deutschland als „wichtigsten Partner in Europa“

„Deutschland ist bei dem Thema Norwegens wichtigster Partner in Europa“, erklärt Michael Kern, Geschäftsführer der deutsch-norwegischen Handelskammer AHK. Tatsächlich braucht das Norwegen industrielle Partner, über Jahrzehnte war das Öl- und Gasgeschäft die große Wirtschaftssäule des Landes, das mit den fossilen Rohstoffen vom Armenhaus Europas zu einem der reichsten Länder der Welt geworden ist. Eine schnelle Diversifizierung ist das Ziel. Der große Unterschied zu Deutschland: In Norwegen geht man die Dinge sehr viel hemdsärmeliger an als hierzulande. Seit wenigen Jahren etwa stampft das Land im Norden eine gigantische Batterieproduktion aus dem Boden – und quasi aus dem Nichts.

Michael Kern von der Deutsch-Norwegischen Handelskammer AHK in Oslo.

Das Start-up Morrow etwa will Stromspeicher nachhaltig produzieren, angefangen mit einer Produktlinie in Asien, die jetzt nach Norwegen verlegt wird. Alles soll vor Ort passieren. Auch kritische Rohstoffe, die noch zu großen Teilen aus Asien importiert werden, sollen künftig im Idealfall in Europa gewonnen werden. Das übergeordnete Ziel dabei auch: eine größere Unabhängigkeit von China.

Deutschland und Norwegen wollen unabhängig von China werden: „Robert Habeck und ich treiben Partnerschaft voran“

„Wir wissen, dass wir viel zu abhängig von China sind. Wir müssen eine starke, ökologisch nachhaltige Wertschöpfungskette für die Batterieproduktion in Europa aufbauen“, sagte kürzlich Norwegens bisheriger Wirtschaftsminister Jan Christian Vestre in kleiner Runde in Oslo. „Die strategische Partnerschaft zwischen Norwegen und Deutschland, die Robert Habeck und ich vorantreiben, konzentriert sich auf diese Bereiche. Die Zusammenarbeit wird für beide Volkswirtschaften von großem Nutzen sein.“ Wie um das zu bestätigen, war Wirtschaftsminister Habeck denn auch zu Gast bei der Hannover Messe, um unter anderem mit Norwegens Energieminister Terje Aasland über erneuerbare Energien zu sprechen.

Jan Christian Vestre war bis Mitte April Wirtschaftsminister von Norwegen. Inzwischen ist er Gesundheitsminister.

Unterdessen hat der Bund Anfang des Jahres trotz Haushaltskrise entschieden, dass sich Deutschland über die staatliche Förderbank KfW in den kommenden Jahren mit rund einer Milliarde Euro an Rohstoffprojekten im In- und Ausland beteiligen soll. Welche Projekte genau im Fokus stehen, ist noch unklar. Klar ist allerdings, dass es in Norwegen mehrere potenzielle Vorkommen für Rohstoffe wie etwa seltene Erden gibt. So etwa das riesige Fens-Feld in der Telemark, ein 580 Millionen Jahre altes Vulkangebiet, das künftig erschlossen werden soll.

Norwegens Wirtschaftsminister vor Hannover Messe: „Wir sehen, dass die Nachfrage nach Öl und Gas schneller sinkt“

Die norwegische Regierung macht immer wieder klar, dass sie ein verlässlicher Rohstofflieferant für grüne Wertschöpfungsketten werden will. „Wir sehen, dass die Nachfrage nach Öl und Gas noch schneller sinkt, als wir dachten. Und ehrlich gesagt, ist das auch gut so, denn das Geschäft ist nicht nachhaltig und wir müssen schnell vom Erdöl weg“, so Vestre.

Potenzielle große Zielgruppe: die deutsche Autoindustrie, sagt Michael Kern von der AHK. Allerdings: Batterie-Rohstoffe aus China werden wohl immer billiger zu haben sein als aus Norwegen. „Es geht dabei nicht ausschließlich um Geld“, glaubt Kern. In Norwegen will man die Umweltbelastung beim Abbau möglichst gering halten, entwickelt dafür neue Technologien für die Gewinnung. Auch, um sich von China abzuheben, wo Rohstoffe oft unter bedenklichen Bedingungen gewonnen werden. „Ein entsprechendes Siegel kann durchaus ein Kaufargument für die Konsumenten und damit auch für die Produzenten sein“, so Kern.

Hinweis: Dieser Artikel wurde angesichts neuer Ereignisse aktualisiert.


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