„Stimmt so!“

Trend zu weniger Trinkgeld: Funktion bei Kartenzahlung soll das nun ändern – doch es gibt Risiken

  • Natascha Berger
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Die Trinkgeldkultur in Deutschland leidet unter dem Trend zur Kartenzahlung. Eine neue Funktion soll das Problem nun beheben – doch birgt auch Risiken.

Bremen – Nach einem leckeren Restaurantbesuch inklusive gutem Service ist es in Deutschland ein ungeschriebenes Gesetz, Trinkgeld zu geben. Die meisten werden da vermutlich die 10-Prozent-Regel im Kopf haben. Doch in den letzten Jahren hat sich in der Gastronomie ein Trend durchgesetzt, unter dem vor allem Servicekräfte leiden: Durch mehr Kartenzahlungen, bleibt das Trinkgeld oft auf der Strecke. Eine neue Funktion soll das ändern.

2023 war für Deutsche ein Rekordjahr, was das bargeldlose Bezahlen mit der Girocard angeht, wie die Zeit berichtet. Die Frankfurter Einrichtung Euro Kartensysteme registrierte 7,48 Milliarden Kartenzahlungen und damit 11,5 Prozent mehr, als noch im Vorjahr. Zwar ist Deutschland im internationalen Vergleich immer noch ein Bargeld-Land, doch die Entwicklung ist deutlich. Das sagt auch Wirtschaftswissenschaftler Sascha Hoffmann, der an der Hochschule Fresenius in Hamburg zum Thema Trinkgeld forscht. Doch die Veränderung in der Trinkgeldkultur wirke sich unmittelbar negativ auf die Verdienstmöglichkeiten von Gastronomie-Mitarbeitern aus.

Im Bargeld-Land Deutschland steigen die Kartenzahlungen - das wirkt sich auch auf die Trinkgeldkultur aus. (Symbolbild)

Weniger Trinkgeld bei Kartenzahlungen: Neue Funktion schlägt Kunden gleich Prozentsätze vor

„Studien zeigen, dass bei Kartenzahlung im Großen und Ganzen weniger Trinkgeld gegeben wird“, sagt Hoffmann. Oft werde Trinkgeld bei bargeldlosen Zahlungen einfach vergessen. Er führt fort: „Die Stundensätze sind dort ohnehin nicht besonders hoch und die Angestellten sind besonders auf Trinkgelder als zusätzliche Einkommensquelle angewiesen.“ Immer öfter sind Kartenzahlgeräte deshalb mit der Funktion ausgestattet, eine Trinkgeld-Option zu wählen. Meist können Kunden zwischen fünf, sieben, zehn oder sogar bis zu 25 Prozent Trinkgeld auswählen.

„Positiv für den Gast“: Karten-Funktion für Trinkgeld kann auf Kunden entlastend wirken

Wie der Wirtschaftswissenschaftler gegenüber NDR sagt, sei diese Funktion nicht nur für das Servicepersonal aufgrund der besseren Chance auf Trinkgeld gut. Auch für den Kunden könnten die automatisierten Trinkgeld-Vorschläge entlastend wirken. „Das ist positiv für den Gast, weil er aus der Überlegung rauskommt: Wie viel Trinkgeld soll ich geben? Was ist ein angemessener Betrag?“, sagt Hoffmann. Oft ist das Kopfrechnen mit einer Stress-Situation verbunden, die bei der neuen Funktion wegfalle.

Eine neue Funktion für Kartenzahler soll Servicekräften mehr Trinkgeld bringen – doch birgt auch Risiken für den Kunden.

Trotz Vorteilen und potenziell mehr Trinkgeld für Service: Funktion an Kartengerät kann Kunden abschrecken

Doch die neue Funktion, die den Servicekräften Trinkgeld auch bei Kartenzahlungen bescheren soll, hat auch ihre negativen Seiten. Wenn vorgeschlagene Prozentsätze sehr hoch sind, falle zwar laut dpa das Trinkgeld tendenziell höher aus, gleichzeitig sinke jedoch die Zahl der Kunden, die überhaupt Trinkgeld geben. „Tür und Tor sind in einer solchen Stresssituation für manipulative Designs geöffnet, mit denen der Gast dazu gebracht wird, mehr Trinkgeld zu geben, als er eigentlich in einem ruhigen Moment bereit wäre zu geben“, sagt Hoffmann dem NDR.

Auch ist die Funktion nicht nur in Restaurants oder Cafés in den Kartenlesegeräten inkludiert. Selbst in Branchen, wo Trinkgeld eigentlich unüblich ist, stehen Kunden nach Bezahlen immer öfter vor der Auswahl: Möchten Sie sieben, zehn oder sogar 20 Prozent Trinkgeld geben? Beispielsweise in Bäckereien könne dies dazu führen, dass die Kunden die Funktion in einem Moment als entlastend ansehen, sich im nächsten jedoch über das hohe Trinkgeld ärgern.

Zehn Prozent Trinkgeld beim Bäcker? Neue Funktion bietet auch Ausweg – wenn man genau hinsieht

Was viele Kunden jedoch nicht auf den ersten Blick sehen: Die neue Funktion erlaubt es auch, „Kein Trinkgeld“ oder „Freie Eingabe“ zu wählen. Niemand muss also für einen Brotlaib beim Bäcker um die Ecke zehn Prozent aufschlagen. Übrigens: Im Urlaub gelten oft andere Trinkgeld-Regeln – vor allem in Frankreich kann man da schnell in ein Fettnäpfchen treten. (nbe/dpa)

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