Drohende Umweltkatastrophen

„Gäbe keinen Waldbrand, wenn niemand ihn anzünden würde“: Wetter-Experte Jörg Kachelmann im Interview

  • Michaela Ebert
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Extreme Wetterlagen plagen derzeit Mitteleuropa: Sind sie Folgen des Klimawandels – und könnte es in Zukunft auch Deutschland treffen? Wetter-Experte Jörg Kachelmann gibt eine Einschätzung.

Unkontrollierbare Waldbrände in Griechenland, Riesen-Hagel in Italien, reißende Fluten in Kroatien: Immer wieder kam es in den vergangenen Wochen im Mittelmeerraum zu verheerenden Umweltkatastrophen – teilweise sogar mit zahlreichen Todesopfern. Beliebte Urlaubsgebiete mussten weiträumig evakuiert werden – zu gefährlich für Touristen und Einwohner.

Doch derartige Wetterextreme sind eigentlich nicht überraschend: Bereits im Juni warnte die EU-Umweltagentur (EEA) vor immer extremer werdenden Sommer-Wetterlagen in Europa – und forderte entsprechendes Handeln, wie auch „Merkur.de“ bereits berichtete. Zumindest was die anhaltende Hitze in den Regionen betrifft, sind sich die Forscher der „Initiative World Weather Attribution“: ohne den menschengemachten Klimawandel wären derartige Temperaturen nicht möglich.

Extremwetter in Europa: Kommen derartige Umweltkatastrophen in Zukunft häufiger vor?

Doch was bringt der Klimawandel neben der noch Hitze mit sich? Und kommen derartige Extremwetterlagen, wie sie derzeit im Mittelmeerraum zu beobachten sind, künftig häufiger vor? Wetter-Experte Jörg Kachelmann gibt gegenüber echo24.de eine Einschätzung.

„Die Unwetter haben kein Etikett, warum sie da sind, an sich sind sie auch nicht außergewöhnlich. Sie werden allerdings durch den Klimawandel wahrscheinlicher, weil durch die hohen Wassertemperaturen im Mittelmeer und auch durch die hohen Lufttemperaturen viel mehr Wasserdampf im Spiel ist und entsprechend die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die Gewitter groß ausfallen“, erklärt Kachelmann.

Häufigere und heftigere Unwetter – und mehr Waldbrände? Wetter-Experte gibt Einschätzung

Mit häufigeren und vor allem heftigeren Unwettern muss also in Zukunft gerechnet werden. Doch wie sieht es mit der Hitze aus? Bringt diese auch Dürre, Trockenheit, Wassermangel – und womöglich sogar Waldbrände mit sich, wie sie etwa bereits in Griechenland wüteten?

Überschwemmungen und Hitze: So extrem war der Sommer 2023 – Bilder zeigen Ausmaß

Die Schäden durch die Überschwemmungen dürften massiv sein.
 Feuerwehrwagen stehen vor einer überfluteten Brücke über die Sulm am Ortsausgang von Leibnitz in der Steiermark.
Touristen werden aus ihren Unterkünften mit Zillen (Booten) auf überfluteten Straßen in Sicherheit gebracht.
ine überflutete Brücke über die Sulm im Bezirk Leibnitz in der Steiermark.
Überschwemmungen und Hitze: So extrem war der Sommer 2023 – Bilder zeigen Ausmaß

Kachelmann ist sich in dieser Sache sicher: „Es gäbe keinen Waldbrand, wenn niemand ihn anzünden würde. Das ist das grundsätzliche Problem in Ländern, in denen man Physik abwählen kann: Dass man offenbar nicht mehr weiß, dass es 250–300 Grad braucht, damit Vegetation brennt. Dass man bei uns glaubt, dass man mit Glasscherben Feuer machen könnte oder es so etwas wie „Hitzebrände“ und „Selbstentzündung“ gäbe, hat mit unserer Bildungsferne zu tun. Für einen Waldbrand brauchen Sie 1. Dürre und 2. Brandstiftung, in bei uns extrem seltenen Fällen reicht auch ein Blitz, wenn es gerade noch wenig regnet beim Gewitter.“

Wetter-Experte erinnert an Flut im Ahrtal: „Wärmere Welt wird in der Summe eine nassere Welt“

Die Waldbrände als Symbolbild des Klimawandels zu betrachten, ist für den Wetter-Experten daher unangebracht, „weil der Zusammenhang zwischen Dürre und Klimawandel noch unklar ist und eben meist gar nichts passieren würde, wenn es keine Menschen gäbe.“

Ich bin schon sehr alt und habe schon viel schlimmere Unwetter gesehen, wie die Heinrichsflut an meinem 7. Geburtstag. Nichts ist neu an solchen Unwettern. Neu ist, dass die Wahrscheinlichkeit größer ist durch das Mehrangebot an Wasserdampf, dass sie stärker ausfallen, als es ohne diese klimawandelbedingte Veränderung gewesen wäre. Wir müssen uns davon lösen, immer an einem Einzelereignis irgendwas ablesen zu wollen.

Jörg Kachelmann, Wettermoderator

Die Extremwetter-Gefahr sieht Kachelmann also vielmehr in der Kraft des Wassers – auch in Deutschland: „Eine wärmere Welt wird in der Summe eine nassere Welt sein. Wir werden öfter mit zu viel als mit zu wenig Wasser zu tun haben. Eine Jahrhundertflut wie das Hochwasser an der Ahr wird häufiger vorkommen.“ Doch auch die Hitze wird den Menschen zu schaffen machen: Temperaturen von 45 Grad sind dann im Sommer keine Seltenheit mehr.

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