„Eigentlich keine große Sache“
Ein knappes Jahr danach: Ralf Schumacher blickt auf sein Coming-out zurück
VonSönke Brederlowschließen
Knapp ein Jahr nach seinem Coming-out zieht Ralf Schumacher Bilanz: Was sich seither in seinem Leben verändert hat – und wie die Welt auf sein Liebesbekenntnis reagierte.
St. Tropez – Vor knapp einem Jahr hat sich Ralf Schumacher auf Instagram geoutet: Im Juli 2024 hatte der frühere Formel-1-Fahrer die Liebe zu seinem Lebensgefährten Étienne Bousquet-Cassagne öffentlich gemacht. Jetzt spricht der 49-Jährige über seine Erfahrungen und die Zeit nach dem Coming-out.
„Ich muss ganz ehrlich sagen, es sind alle sehr respektvoll damit umgegangen“, sagt Schumacher in einem aktuellen Sky-Interview. „Ich kann mich da gar nicht beklagen. Das wurde wirklich sehr behutsam gemacht und für mich hat sich gar nichts verändert. Es ist auch keine große Sache eigentlich.“
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Dass sein Liebesouting so große Wellen schlagen würde, hatte Schumacher allerdings nicht gedacht. „Nein, überhaupt nicht. Ich dachte, andere Themen wären noch viel wichtiger als ich auf meine alten Tage“, grinst der Bruder von Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher.
Schumacher: „Muss gar nicht so viel Angst haben“
„Und scheinbar ist das vielleicht das einzige, ich würde gar nicht sagen Problem, aber dass es halt immer noch ein großes Thema ist“, kritisiert der ehemalige Rennfahrer, der einen 23-jährigen Sohn hat. Das große Interesse müsse gar nicht sein. „Ich glaube, jeder soll doch machen, was er möchte, solange er niemanden anders damit stört, beeinflusst oder beeinträchtigt.“
Aber auch wenn das Coming-out im Juli 2024 für große Aufmerksamkeit gesorgt hat, würde Schumacher jederzeit gleich handeln. „Für uns war es durchweg positiv und ich glaube, man muss gar nicht so viel Angst davor haben“, sagt der 49-Jährige, der nach eigener Aussage „noch nie einen schlechten Kommentar“ bekommen hat oder auf der Straße darauf angesprochen wurde.
„Ich kann nichts Negatives sagen“, resümiert Schumacher rund ein Jahr nach seiner öffentlichen Liebeserklärung. „Wichtig ist, dass man es mit der Familie, mit den Freunden, irgendwo abspricht. Es ist klar, dass die nicht aus den Medien erfahren, was passiert ist und der Rest, der kommt ganz von allein, da macht man sich viel zu verrückt.“
Coming-out sollte keinen Mut erfordern
Im Umfeld der Formel 1 wurde mit dem Coming-out des 180-fachen Grand-Prix-Teilnehmers „sehr respektvoll“ umgegangen und es gab viele positive Reaktionen, verrät Schumacher: „Viele Teamchefs sind auf mich zugekommen, Stefano Domenicali (Formel-1-Geschäftsführer, Anm. d. Red.) und auch die Fahrer.“
Es sei „nie ein großes Thema gewesen“, so Schumacher, der nur mit ein paar wenigen Aussagen wenig anfangen kann. Nämlich all jenen, die von einer „mutigen Entscheidung“ des Deutschen sprechen. Dazu gehörte auch Sebastian Vettel. „Eigentlich soll es nicht mutig sein, sondern man muss so machen, wie man sich fühlt.“
„Natürlich muss die Zeit passen, in der man es macht. Und das war in meinem Fall so“, blickt Schumacher zurück. „Mit den wichtigen [Menschen] hatte ich es vorher abgesprochen. Und dementsprechend war es einfach easy.“ Auch in der Zeit danach wollte Schumacher, der bei den Formel-1-Rennen als Sky-Experte im Einsatz ist, das Thema um seine Person nicht an die große Glocke hängen. „Das wurde auch total respektiert.“
Coming-out im Profi-Sport weiterhin schwierig?
Trotz allem Zuspruch, der Schumacher in den letzten Monaten entgegenkam, ist das Coming-out im Profi-Sport noch immer eine Seltenheit. Es gibt in Deutschland keinen einzigen Bundesliga-Spieler, der sich geoutet hat. Woran das liegt? „Also ich glaube, in erster Linie ist es wichtig, dass man seinen Sport, den man macht, gut macht. Und dann glaube ich, ist es auch egal, wen man als Partner mitbringt.“
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Aber: „Fußball ist natürlich so eine Männerdomäne, gerade auch im Lokal und die ganzen 84 Millionen Fußballtrainer, die es da so gibt, da könnte ich mir schon vorstellen, dass das ein bisschen schwerer ist“, grübelt Schumacher. „Aber eigentlich auch nicht. Ich glaube nicht, dass die Spieler untereinander oder die Clubs ein Problem damit hätten.“
Viel mehr seien es „noch so Alteingesessene“, die vielleicht Schwierigkeiten damit hätten. Auf der anderen Seite ist sich der ehemalige Formel-1-Fahrer „ziemlich sicher, dass das Tor des besten Spielers wichtiger ist als das, was man zu Hause macht.“ Mit seinen Erfahrungen, die Schumacher in den letzten Monaten gesammelt hat, könne er am Ende jedenfalls nur Mut machen. „Und wenn das natürlich dazu führt, dass es noch mehr machen, warum nicht, ist doch schön.“ (SoBre)
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