Angriffswelle Russlands

Ukraine feiert den Abschuss von Putins Kinschal-Raketen – „So sieht Heldentum aus“

  • Lukas Rogalla
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Putins „unbesiegbare“ Wunderwaffe kommt im Ukraine-Krieg verstärkt zum Einsatz – jedoch erfolglos. Dennoch erkennen Militär Experten eine Strategie.

Kiew – Zum Jahreswechsel hat Russland die Ukraine mit etwa 100 Raketen und Drohnen angegriffen. Dutzende Menschen wurden getötet und verletzt. Kiew spricht von einer „Rekordzahl“ an Drohnen aus Russland. Neben Kalibr-Marschflugkörpern soll auch Moskaus angebliche „Wunderwaffe“, die Kinschal-Rakete, zum Einsatz gekommen sein.

Lange hatten diese Raketen die Ukraine vor Probleme gestellt. Doch nun will die ukrainische Luftverteidigung zehn von zehn der von Russland hoch angepriesenen Hyperschall-Raketen abgeschossen haben, wie Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj behauptet. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach Lob für die Luftverteidigungssysteme aus dem Westen aus. Ist Putins „unbesiegbare“ Waffe gar nicht so gut, wie die Ukraine befürchtet hatte?

Ukraine schießt Kinschal-Raketen mit Patriot-System ab

„So sieht Heldentum mit fortschrittlichen Systemen aus“, teilte das Außenministerium am Dienstag (2. Januar) mit Hinblick auf den Abschuss der Kinschal-Raketen auf X mit. Hätten die Raketen ihre Ziele erreicht, wären die Konsequenzen verheerend gewesen, meinte Saluschnyj und forderte zugleich mehr Waffen und Munition. „Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass der Feind hier Halt macht.“

Mai 2023: Das Patriot-Luftabwehrsystem schießt eine Kinschal-Rakete Russlands über Kiew, Hauptstadt der Ukraine, ab.

Sollte die Meldung aus Kiew stimmen, hätte die Ukraine laut Business Insider mittlerweile 25 Kinschal-Raketen mit dem Patriot-System abgeschossen. Im August 2022 hatte Russlands Verteidigungsminister Sergei Schoigu behauptet, dass es „unmöglich“ sei, die Rakete zu entdecken oder abzufangen. „Tatsächlich hat noch niemand eine solche Rakete: mit Hyperschall, mit einer solchen Geschwindigkeit und Durchschlagskraft“, hieß es damals. Generalstabschef Waleri Gerassimow hatte hinzugefügt, dass die Rakete gegen die Luftverteidigungssysteme in der Ukraine „unverwundbar“ sei.

Laut Präsident Wladimir Putin erreiche die Rakete Geschwindigkeiten von Mach 10 und habe eine Reichweite von 2000 Kilometern. Nach den ersten Einsätzen der Kinschal im vergangenen Jahr gehen westliche Beobachter allerdings von einer geringeren Geschwindigkeit aus. Militärexperte Gustav Gressel sagte ntv, dass die Rakete zwar sehr schnell beschleunigt werde, dann aber aufgrund des fehlenden eigenen Antriebs nur noch gleite. Der Plasmabogen, der entsteht, wenn die Rakete wieder in die Erdatmosphäre eintritt, mache es zunächst schwierig, die Kinschal per Radar zu erfassen. Doch: „Die hohe Geschwindigkeit und damit den Plasmabogen kann die Kinschal allerdings nicht durchhalten.“

Russland will westliche Abwehrsysteme in der Ukraine „übersättigen“

Die Kinschal soll überhaupt keine Hyperschallwaffe sein, sondern die Weiterentwicklung einer ballistischen Rakete, wie Militärexperte Nico Lange im Gespräch mit ntv behauptet. „Die Kinschal fliegt sehr schnell und ist schwierig abzuwehren. In der Ukraine zeigt sich jedoch, dass Patriot-Luftverteidigungssysteme Kinschal-Raketen abwehren können“, sagte er. Selbst Wellen aus gleichzeitig abgefeuerten Kinschals habe die Ukraine abschießen können. „Das russische Bohei um Kinschal ist nicht gerechtfertigt“, befindet er.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Auch wenn sich Russlands Kinschal-Rakete nicht als Wunderwaffe herausstellt, bleibt sie für die Ukraine brandgefährlich. Der Einsatz von mutmaßlich zehn Raketen dieser Art in einer Nacht könnte darauf hindeuten, dass Russland bei Luftangriffen vor allem auf Masse setzt – ähnlich wie beim Verheizen der eigenen Soldaten im Ukraine-Krieg.

Häufig werde mehr als eine Patriot-Rakete benötigt, um eine Kinschal abzuschießen. Der Grund: „Oft ist die zeitliche Spanne, in der eine solche Rakete abgefangen werden kann, so kurz, dass man auf Verdacht schießen muss. Das treibt den Munitionsverbrauch der Ukraine in die Höhe“, so Gressel. Militärexperte Markus Reisner sagte zu ntv: „Russland versucht zunehmend, die Fliegerabwehrsysteme, die der Westen geliefert hat, zu übersättigen. Dahinter steckt das Ziel, eine stete Abnutzung zu erreichen.“ Die westlichen Entscheidungsträger würden daher eine entscheidende Rolle darin spielen, wer diesen „Krieg der Rüstungsindustrien“ gewinnt.

Militärische Ziele hat Russland bei den jüngsten Angriffen auf die Ukraine jedenfalls nicht getroffen. (lrg)

Rubriklistenbild: © Gabriel Romero/Imago

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