Geistige Verfassung

Nach Aussetzern von Joe Biden: Jetzt spricht Kamala Harris über die Vorwürfe

  • Fabian Hartmann
    VonFabian Hartmann
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Nachdem in einem Sonderbericht Vorwürfe zur mentalen Fitness des US-Präsidenten laut geworden waren, wies Joe Biden diese zurück. Nun reagiert sein Team.

Washington, DC – Joe Bidens Stellvertreterin, Kamala Harris, hat die kritischen Anmerkungen eines Sonderermittlers zum Alter des US-Präsidenten vehement abgelehnt. „Die Art und Weise, wie das Auftreten des Präsidenten in diesem Bericht charakterisiert wurde, könnte nicht falscher sein und war eindeutig politisch motiviert“, sagte Harris am Freitag im Weißen Haus.

Bericht des Sonderermittlers zu US-Präsident Joe Biden: Hohes Alter in der Kritik – Kamala Harris wehrt sich

Im Bericht des Sonderermittlers Robert Hur, in dem es um Bidens Umgang mit Geheimdokumenten und den Vorwurf ihrer Veruntreuung geht, wurden kritische Vorwürfe zur geistigen Verfassung des US-Präsidenten aufgrund seines hohen Alters laut. Unter anderem hieß es darin, Biden wirke wie ein „wohlmeinender älterer Mann mit einem schlechten Gedächtnis“, wie die Nachrichtenagentur AFP meldet.

Auch aus dem Weißen Haus wurde deutliche Kritik an den Anmerkungen des Sonderermittlers Hur laut. Da die Ergebnisse der Ermittlungen keine Anklage rechtfertigten, stelle sich die Frage, wieso „der Bericht Zeit damit verbringt, grundlose und unangemessene Kritik am Präsidenten zu üben“, sagte Ian Sams, Sprecher des Weißen Hauses.

US-Vize Kamala Harris wehrt sich gegen die Kritik an der geistigen Verfassung des Präsidenten Joe Biden.

Biden wehrt sich gegen Vorwürfe, sein mentaler Zustand leide wegen seines Alters

Biden selbst hatte bereits am Donnerstagabend bei einer kurzfristig angesetzten Pressekonferenz im Weißen Haus wütend auf die Beurteilung des Sonderermittlers reagiert. „Mein Gedächtnis ist gut“, entgegnete der US-Präsident. „Ich bin wohlmeinend, ich bin ein älterer Mann, und ich weiß zum Teufel, was ich tue. Ich bin der Präsident und ich habe dieses Land zurück auf die Beine gebracht“, führte Biden aus.

Sonderermittler begründet Vorwürfe gegen Biden mit seiner „eingeschränkten“ mentalen Verfassung

Hur war zuvor als Sonderermittler beauftragt worden, Vorwürfe gegen Biden zu prüfen, die wegen angeblich veruntreuter Geheimdokumente gegen ihn laut geworden waren. Vor etwa einem Jahr wurden in Privaträumen des US-Präsidenten Regierungsdokumente aus seiner Zeit als Vizepräsident entdeckt. 

Zwar beurteilte der Sonderermittler in seinem mehr als 300 Seiten fassenden Bericht, dass im Vorwurf der Veruntreuung von Geheimdokumenten keine strafrechtliche Anklage gegen Biden gerechtfertigt sei. „Ich habe mich gefreut, dass der Bericht zu dem festen Schluss gekommen ist, dass in diesem Fall keine Anklage gegen mich erhoben werden sollte“, sagte der Präsident. „Dies war eine gründliche Untersuchung.“

US-Präsident Joe Biden bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus

Allerdings habe der US-Präsident als Privatperson „absichtlich geheime Materialien aufbewahrt und offengelegt“, heißt es im Bericht. Dass dies keine juristischen Konsequenzen haben wird, begründet der Sonderermittler aber unter anderem damit, dass Bidens Erinnerung während der Befragung „signifikant eingeschränkt“ gewesen sei.

Vorwurf gegen Biden nicht stichhaltig – dennoch bezieht er Stellung zu Geheimdokumenten

Hur führte das vermeintlich schlechte Gedächtnis des Präsidenten auch als Argument dafür an, dass eine Geschworenenjury ihn bei einem hypothetischen Prozess niemals schuldig sprechen würde. Besonders emotional zeigte sich der US-Präsident, als er eine Zeile aus dem Bericht des Sonderberaters wiederholte, in der behauptet wurde, Biden könne sich nicht daran erinnern, in welchem Jahr sein Sohn Beau gestorben ist. Beau Biden starb 2015 an Krebs, als sein Vater noch Vizepräsident war. „Wie zum Teufel kann er es wagen, das zu erwähnen?“, entgegnete Biden. Und betonte, dass er niemanden brauche, um an den Tod seines Sohnes erinnert zu werden.

Auch bezog der US-Präsident während der Pressekonferenz im Weißen Haus Stellung dazu, dass Geheimdokumente aus seiner Zeit als Vizepräsident in seinen Privaträumen gefunden worden waren. „Ich übernehme die Verantwortung dafür, dass ich nicht genau gesehen habe, was meine Mitarbeiter gemacht haben“, sagte Biden. „Dinge, die in meiner Garage auftauchten, Dinge, die aus meinem Haus kamen, Dinge, die bewegt wurden - wurden nicht von mir, sondern von meinen Mitarbeitern bewegt“, erklärte er.

Das Alter von US-Präsident Biden wird immer wieder zum Thema gemacht

Das Alter des ältesten Präsidenten der US-Geschichte wird immer wieder ins mediale Rampenlicht gerückt – von republikanischer Seite wird gerne ausgeschlachtet, wenn Biden durch verbale Fehltritte oder Aussetzer auffällt. So hatte Donald Trump erst im November nach der Veröffentlichung von Bidens Gesundheitszustand gegen diesen gestichelt und ihn als „kognitiv eingeschränkt“ bezeichnet.

Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Joe Biden gehört seit vielen Jahren zum Establishment der Demokratischen Partei und blickt auf eine lange politische Karriere zurück. Bei der US-Wahl 2020 ist es ihm im dritten Anlauf endlich gelungen, sein großes Ziel zu erreichen: Biden ist zum 46. Präsidenten der USA gewählt worden. Es war die Krönung eines jahrzehntelangen Politikerlebens, in dem er auch schwere Schicksalsschläge zu verkraften hatte.
Joseph „Joe“ Robinette Biden, Jr. wurde am 20. November 1942 in Scranton (Pennsylvania) geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften begann der Jurist Ende der 60er-Jahre, sich politisch zu engagieren. Zunächst ließ er sich im US-Bundesstaat Delaware als Unabhängiger registrieren – weil er weder den republikanischen Präsidenten Richard Nixon noch den demokratischen Gouverneur Charles Terry ausstehen konnte. Um die Lage nach der Ermordung von Martin Luther King im April 1968 zu beruhigen, hatte Terry die Nationalgrade zu Hilfe gerufen. Für Biden wurde die Bürgerrechtsbewegung zum Auslöser seiner Politisierung.
Im Jahr 1972 trat Biden im Alter von nur 29 Jahren bei der Wahl zum US-Senat an. Er besiegte den langjährigen republikanischen Vertreter Cale Boggs und zog als einer der jüngsten Senatoren in den Kongress ein. Der Triumph wurde allerdings von einem schweren Autounfall am 18. Dezember 1972 überschattet, bei dem seine erste Ehefrau Neilia und Tochter Naomi ums Leben kamen. Die Söhne Beau und Hunter überlebten verletzt. Seinen Eid legte Biden im Januar 1973 am Krankenbett von Beau ab, dessen Bein immer noch im Streckverband war. 1977 heiratete Biden die Lehrerin Jill Tracy Jacobs. Aus dieser Ehe stammt Tochter Ashley.
Von 1973 bis 2009 saß Biden 36 Jahre lang als Vertreter des Bundesstaates Delaware im Senat. Er wohnte allerdings weiterhin in Wilmington (Delaware) und pendelte jeden Tag per Bahn nach Washington, D.C. 1994 war er maßgeblich an einem heute kontrovers diskutierten Gesetz zur Reform des Strafrechts und der Inneren Sicherheit beteiligt. Mitte der 90er sprach er sich für die Nato-Intervention in Bosnien-Herzegowina und die Bombardierung Serbiens im Kosovo-Krieg 1999 aus. Im Jahr 2002 stimmte er für die Irak-Resolution.
Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Zuletzt verwechselte Biden etwa den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl mit der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel, außerdem den verstorbenen französischen Staatschef François Mitterrand mit Amtsinhaber Emmanuel Macron. Bei der Pressekonferenz am Donnerstagabend unterlief Biden ein weiterer Schnitzer: Er bezeichnete den ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi als „mexikanischen Präsidenten“. (Fabian Hartmann)

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