„Sehr ungewöhnlich“

Putins Türkei-Besuch immer wieder verschoben: Grund könnte eine bizarre Forderung sein

  • Momir Takac
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Sollte der türkische Präsident Erdogan Putins „sehr ungewöhnliche“ Bedingung annehmen, stünde die Nato vor einem großen Problem.

Ankara – 2014 war der russische Präsident Wladimir Putin das letzte Mal zu Besuch in der Türkei. Die 2022 gestartete Großinvasion Russlands in die Ukraine war damals noch weit entfernt. Im Juni des vergangenen Jahres lud der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Putin erneut nach Ankara ein. Der Kreml-Chef wolle der Einladung folgen, hieß es damals. Doch seitdem hat Russland den Besuch immer wieder verschoben. Die britische Nachrichtenagentur Middle East Eye (MEE) will den Grund dafür herausgefunden haben.

Putin fordert von Erdogan, dass russische Kampfjets Präsidentenmaschine in die Türkei begleiten

Das Medium mit Sitz in London berichtete über eine bizarre Bedingung, die Putin für seinen Ankara-Besuch gestellt haben soll. Demnach forderte er, dass sein Präsidentenflieger beim Flug in die Türkei von russischen Kampfjets begleitet wird. MEE bezieht sich dabei auf „Quellen, die mit der russischen Denkweise vertraut sind“.

Der russische Präsident Wladimir Putin sitzt in seiner Präsidentenmaschine.

Womöglich befürchte der Kreml-Chef, dass seine Maschine auf der Flugroute abgeschossen werden könnte. Eine Vollstreckung des Haftbefehls durch den Internationalen Strafgerichtshof muss Putin nicht befürchten, da die Türkei das Gericht wie Russland nicht anerkennt. Das Deutsch Türkische Journal (dtj) hatte Anfang des Jahres berichtet, dass sich Putins Reise wegen Unstimmigkeiten bei einem Gasprojekt verzögere.

Experte hält Abschalten von Nato-Systemen während Putins Türkei-Besuch für „unwahrscheinlich“

Anders als zahlreiche Staatschefs steht Erdogan seinem russischen Amtskollegen nicht komplett ablehnend gegenüber. Die beiden pflegen eine vergleichsweise gute Beziehung, auch wenn Erdogan Kiew im Ukraine-Krieg unterstützt. Erdogan hatte sich zuletzt als Vermittler zwischen der Ukraine und Russland angeboten, was Putin allerdings ablehnte.

Doch dass russische Kampfjets in den türkischen Luftraum eindringen und womöglich auch noch in dem Land landen, wäre ein absolutes Novum und zudem schwer vorstellbar. Die Türkei ist bekanntlich ein Mitglied der Nato, und Luftabwehrsysteme des Verteidigungsbündnisses könnten die russischen Jets als feindliche Ziele ansehen. Dass das Bündnis der Bitte nachkommt und die Nato-Systeme abschaltet, sei „unwahrscheinlich“, sagte eine mit den Gesprächen vertraute Person MEE.

Ex-Botschafter: Putins Anfrage nach Kampfjet-Eskorte bei Türkei-Besuch „sehr ungewöhnlich“

Zwei frühere türkische Botschafter, die eng mit dem diplomatischen Protokoll rund um Besuche ausländischer Staatsoberhäupter vertraut waren, sprachen von einer „sehr ungewöhnlichen“ Anfrage Russlands. Einer von ihnen sagte, es gebe kein spezifisches Protokoll für eine solche Forderung. Auch sei kein ähnlicher Fall bekannt.

Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten

Armut, Haft, absolute Macht: Der Sohn eines Küstenschiffers wird in einer politischen Karriere vom eifrigen Koranschüler zum absoluten Machthaber in der Türkei. Recep Tayyip Erdogans Weg kann getrost unüblich genannt werden. Aufgewachsen in einem religiösen, doch armen Vorort von Istanbul macht er als talentierter Fußballer auf sich aufmerksam. Der religiöse Vater verbietet den Traum vom Fußball und schickt ihn auf eine Religionsschule, auf welcher er ein neues Talent entdeckt. Die freie Rede ist damals eines der wichtigsten Fächer und der junge Recep macht schon damals mit seinem Redetalent auf sich aufmerksam und konnte aufgrund des ISKI-Skandals als Außenseiter Bürgermeister Istanbuls werden.
Es folgte ein großer Wahlerfolg seiner Partei bei den Parlamentsgutswahlen 2002. Zwar durfte Erdogan aufgrund eines Gedichtes, für welches er zu einem Politikverbot und einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, nicht das Amt des Ministerpräsidenten nicht einnehmen. Dafür installierte er seinen Parteikollegen Abdullah Gül in dem Amt, welcher kurzerhand die Gesetze änderte, um das Vergehen, welches Erdogan ein Politikverbot einbrachte, umschrieb.
Nachdem Gül die Verfassungsänderung durchgebracht hatte, und eine Annullierung der Wahl in der Provinz Siirt stattfand, konnte er nachträglich als Abgeordneter ins Parlament einziehen. Somit war er erneut offiziell Politiker und in der Lage, Ämter innezuhaben. Er wurde am 12. März 2003 Ministerpräsident und Gül übernahm den Posten des Außenministers. Hier auf diesem Foto wird Erdogan als Parlamentsabgeordneter vereidigt.
Erdogan wurde am 12. März 2003 Ministerpräsident, Abdullah Gül übernahm den Posten des Außenministers. Zunächst öffnete sich die Türkei dem Westen und schuf etwa die Todesstrafe ab. Außenpolitisch verfolgte Erdogan zudem anfangs eine Annäherung an die EU, sodass ein möglicher Beitritt im Raum stand. Auch verbesserte sich das Verhältnis der Türkei zu ihren östlichen Nachbarn deutlich.
Recep Tayyip Erdoğan: Der Weg zur Macht des türkischen Präsidenten

„Als Geste könnte die türkische Regierung Kampfjets zur Eskorte ausländischer Staatsoberhäupter schicken“, sagte einer der ehemaligen Botschafter MEE. Zuletzt war Anfang Oktober als möglicher Termin für Putins Türkei-Besuch genannt worden. Doch wegen der Forderung dürfte auch dieser Zeitpunkt nicht zu halten sein. Darüber hinaus betrachte Putin die drei größten Hotels in Ankara – allesamt US-Hotelketten – als zu unsicher. (mt)

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