Kommt Lieferung zu spät?

F-16-Kampfjets als Rettung im Kampf um Charkiw? Experte zweifelt: „Hat Russland Zeit gegeben“

  • Nils Thomas Hinsberger
    VonNils Thomas Hinsberger
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Russland stößt in der Region Charkiw immer weiter vor. F-16-Kampfjets könnten die Ukraine in ihrem Abwehrkampf unterstützen – Experten fürchten aber eine zu späte Lieferung.

Charkiw – Als „lebenswichtig“ hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Lieferung von F-16-Kampfjets auf X (ehemals Twitter) beschrieben. Die „historische“ Lieferung aus Dänemark und der Niederlande sei ein wichtiger Schritt, die Ukraine vor Angriffen aus Russland zu schützen. Doch Experten hegen Zweifel daran, ob die US-Kampfflugzeuge den russischen Vorstoß in Charkiw oder den Ukraine-Krieg an sich maßgeblich beeinflussen können – dafür kämen sie deutlich zu spät.

61 F-16 wollen die beiden Länder für den Abwehrkampf gegen Wladimir Putins Russland senden. Um mit den modernen Kampfjets umgehen zu können, wurde „eine kleine Gruppe“ ukrainischer Piloten in den USA ausgebildet, wie das Magazin Flug Revue berichtete. In Russlands Propaganda-Apparat wird die F-16 bereits kleingeredet. Ein angeblicher Luftfahrtexperte sprach gegenüber der russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti von „erheblichen Mängeln“, die die Flugzeuge vorweisen würden. Vielleicht ein Zeichen dafür, dass Russland das US-Kampfflugzeug durchaus ernst nimmt?

„Hat den russischen Streitkräften Zeit gegeben“ – Experte zweifelt an F-16-Erfolg in Charkiw

An der Funktionalität der F-16 haben Experten aus dem Westen nichts auszusetzen – wohl aber an dem Zeitpunkt der Lieferung. Laut William Reno, Politikwissenschaftler an der Northwestern University in Illinois, werden die Jets nicht zum „optimalen Zeitpunkt“ in der Ukraine eintreffen. „Die Länge des Entscheidungs-, Ausbildungs- und Lieferungsprozesses hat den russischen Streitkräften Zeit gegeben, ihre Luftverteidigung anzupassen“, sagte Reno dem Nachrichtenmagazin Newsweek.

Die Ukraine hofft im Kampf gegen Russland auf die Lieferung von F-16 Kampfjets.

Die Ukraine solle sich auf die vorhandenen Waffen verlassen, schließt sich Guy McCardle, Chefredakteur des Militärmagazins SOFREP an. „Die beste Waffe, die man hat, um die Arbeit zu erledigen, ist die, die man gerade zur Hand hat“, sagte er gegenüber Newsweek. Und das seien vor allem MIG-Jets aus der Sowjet-Zeit. Auch wenn diese nicht so leistungsstark sind wie die moderneren F-16, sei „eine MIG am Himmel (...) für die Ukraine so viel wert wie zwei F-16 auf dem Weg“, so McCardle.

Doch nicht nur der Zeitpunkt, sondern auch der Umfang der Lieferungen könnte ein Problem für die Ukraine darstellen. Wie die New York Times berichtete, könnten ab Juli erst wenige der angekündigten F-16-Kampfjets in der Ukraine ankommen. Im Sommer würden demnach lediglich sechs der versprochenen Kampfflugzeuge in der Ukraine eintreffen.

Russland rückt in Charkiw weiter vor – F-16 könnte Putins Bomber aufhalten

Russland geht in der Region Charkiw äußerst brutal gegen die Ukraine und ihre Bevölkerung vor. Immer wieder schießen russische Truppen Bomben auf das Gebiet und zwingen die Menschen dort zur Flucht. An nur zwei Tagen habe Putins Armee einen Geländegewinn von mehr als 120 Quadratkilometer für sich verbuchen können, so Newsweek.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Gerade gegen russische Bomber könnten die modernen F-16-Jets eine echte Chance bieten. „Sobald wir eine normale Luftfahrt haben, können sie die Flugzeuge in der Luft abschießen, und sie werden die Bomben nicht mehr einsetzen“, zitiert die Washington Post einen Luftwaffenkommandeur in der Region Charkiw. Wie auch Präsident Selenskyj nennt er die Luftverteidigung als wichtigste Maßnahme gegen Russland.

F-16 in der Ukraine – scheitert es am Ende an den Piloten?

Angenommen, die Ukraine erhält rechtzeitig genügend F-16 von den Partnern im Westen. Kann dann der Einsatz gegen Russlands überlegene Luftwaffe starten? Nicht wirklich, stellt James B. Hecker, Kommandeur der US Air Force, gegenüber Flug Revue fest. Die Piloten würden zwar eine umfassende Schulung durchlaufen, bis sie die Flugzeuge aber im Kriegsgebiet einsetzen können, bräuchte es jahrelange Erfahrung.

Doch trotz aller Missstände bei der Lieferung der F-16 scheint alleine die Möglichkeit moderner Kampfjets in der Ukraine für Angst im Kreml zu sorgen. Je näher die Lieferung rückt, desto heißer laufen die Propaganda-Maschinen Putins. Der russische Außenminister, Sergej Lawrow, wartete sogleich mit einem Atombomben-Vergleich auf. Seiner Meinung nach könne die Ukraine die F-16 „für nukleare als auch für nichtnukleare Aufgaben“ verwenden. Man werde dies also als „gezielte Provokation der Nato“ ansehen, so Lawrow – und ignoriert dabei die Tatsache, dass die Ukraine über keine Atomwaffen verfügt. (nhi)

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