Luftabwehr oder ‚friendly fire‘?

Listige Ukrainer und dumme Generäle: Nach Verlust von sieben Kampfjets sucht Russland einen Sündenbock

  • Michael Kister
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Russland soll innerhalb von weniger als einer Woche sieben Kampfflugzeuge verloren haben. Manche Militärblogger bezweifeln, dass die Ukraine sie abgeschossen hat.

Moskau – Seit dem 17. Februar soll Russland fünf Kampfflugzeuge vom Typ Su-34 im Wert von mindestens 33 Millionen Euro und zwei vom Typ Su-35, die mindestens 40 Millionen Euro kosten, verloren haben. Das ließen zumindest die ukrainischen Streitkräfte verlauten. Die Truppen von Wladimir Putin bestätigten diese Nachrichten nicht. Mehrere der in Russland prominenten Militärblogger nahmen die Meldungen allerdings für bare Münze und begannen prompt, über die Ursachen der russischen Verluste zu spekulieren.

Wie die Kyiv Post zuerst berichtete, gehen ihre Meinungen dabei auseinander. Sie alle sind grundsätzlich regimetreu und unterstützen Russlands Ukraine-Krieg. Der Blogger VDV Za Chenost I Spravedlivost machte trotzdem die russischen Kommandeure verantwortlich. Sie hätten Warnungen vor wirksamen Flugabwehrwaffen der Ukrainer wie dem Patriot-System ignoriert und ihren Jets befohlen, zu nah an die ukrainischen Linien heranzufliegen.

Unter den jüngst abgeschossenen russischen Flugzeugen sollen mehrere zweisitzige Jagdbomber des Typs Suchoi Su-34 gewesen sein.

Russland hat zuletzt im Ukraine-Krieg angeblich sieben Kampfflugzeuge verloren

Vladimir Romanov, ein anderer russischer Militärblogger, schob die Schuld dagegen auf schlecht ausgebildetes Bodenpersonal. Wenn es überhaupt merke, dass die eigenen Flugzeuge gefährlich nahe an ukrainische Stellungen herankämen, könne es sie nicht warnen, weil die Kommunikationsausrüstung zu alt sei, schrieb er auf Telegram.

Zwei andere Blogger, Roman Alekhin und Voenniy Osvedomitel, der mehr als eine halbe Million Follower hat, sahen stattdessen ‚friendly fire‘ am Werk: Die mangelnde Kommunikation zwischen russischer Luftwaffe und Luftabwehr führe immer wieder zu solchen Vorfällen. Dabei schwingt allerdings mit, dass sie der Ukraine nicht zugestehen, Waffen zu haben, die zum Abschuss der Kampfflugzeuge in der Lage sind. Dank Patriot-Systemen aus den USA und Deutschland sowie einer SAMP/T-Batterie von Frankreich und Italien entspricht das nicht der Realität.

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Vor allem die russische Seite machte ‚friendly fire‘ schon häufiger für eigene Verluste verantwortlich, auch am Boden. Wie groß der Umfang des Problems tatsächlich ist, muss offen bleiben. Westliche Fachleute des Institue for the Study of War (ISW) deuteten die Häufung entsprechender Meldungen aber als Indiz für große Defizite bei der internen Kommunikation und Koordination der russischen Truppen.

Um weiterhin solche Erfolge gegen die russische Luftwaffe einfahren zu können, braucht die Ukraine Professor Justin Bronk vom englischen Royal United Services Institute (RUSI) zufolge zwei Dinge. Zum einen sei es wichtig, dass der Nachschub an Luftabwehrsystemen und Munition dafür nicht abreißt. Zum anderen brauche das angegriffene Land dringend die von westlichen Partnern versprochenen F-16-Kampfflugzeuge aus amerikanischer Produktion. (Michael Kister)

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