Kamikazedrohnen aus russischer Herstellung
Russland entwickelt billige Version der Shahed-Drohnen als „Pseudo-Marschflugkörper“
VonMichael Kisterschließen
Russland will die Waffe als „Pseudo-Marschflugkörper“ einsetzen, um die ukrainische Luftabwehr abzulenken. Sie soll in der ersten Jahreshälfte 2024 einsatzbereit sein.
Moskau – „Falke“ heiße die neue Kamikaze-Drohne nach iranischem Muster, so die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass unter Bezugnahme auf das Militärdesign-Büro „Stratim“. Sie habe eine Reichweite von 350 Kilometern und könne im Gegensatz zu den herkömmlichen Shahed-Drohnen mit einem hochexplosiven Gefechtskopf ausgerüstet werden, der 16 Kilogramm Sprengstoff trage.
Laut Tass solle die Waffe als „Pseudo-Marschflugkörper“ oder als „Täuschungsziel“ eingesetzt werden, um die ukrainische Luftabwehr abzulenken. Diese Taktik wurde schon bei früheren russischen Luftangriffen im Ukraine-Krieg deutlich: Die Streitkräfte von Wladimir Putin schicken große Mengen von Drohnen gemeinsam mit wirklichen Marschflugkörpern los, um die gegnerischen Luftverteidigungssysteme zu überwältigen. So geschah es etwa am 8. Januar, als von 59 Geschossen zwar alle acht Shahed-Drohnen abgeschossen werden konnten. Zahlreiche Marschflugkörper und Raketen trafen jedoch trotzdem ihre Ziele im Osten und Süden der Ukraine.
Russland hat bereits iranische Shahed-Drohnen modifiziert
Schon im Laufe des vergangenen Jahres wiesen die Waffenexperten der britischen Organisation Conflict Armament Research darauf hin, dass Russland die iranischen Drohnen des Typs Shahed-136 mittlerweile wohl auch im eigenen Land baue. Dass die Russen die Kamikaze-Drohnen selbst vor Ort modifizieren, ist bekannt: Der Kyiv Independent zitierte im November einen Sprecher der ukrainischen Luftwaffe, demzufolge die russischen Streitkräfte Shahed-Drohnen mit kohlenstoffhaltiger schwarzer Farbe bestrichen. Das bewirke, dass sie auf dem Radar schwerer zu entdecken seien.
Anfang 2024 berichtete das Military Watch Magazine dann vom Fund von Trümmerteilen der neueren Drohnenversion Shahed-238 in der Ukraine. Nichts deutet allerdings darauf hin, dass sie in Russland selbst gefertigt wurden. Ihrem Vorgängermodell seien diese Drohnen aber überlegen, weil sie statt einem Propeller- einen Turbinenantrieb hätten, wie der Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des österreichischen Bundesheeres, Oberst Markus Reissner, auf der Website des Bundesheeres schrieb. Das mache es schwerer, sie abzufangen. Außerdem seien sie auch präziser. Ein Nachteil: Sie kosteten laut dem Military Watch Magazine etwa doppelt so viel wie diejenigen vom Typ Shahed-136.
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Der Preis einer Shahed-136-Drohne wird üblicherweise mit etwa 20.000 Dollar angesetzt. Die russische Version, die derzeit entwickelt wird, müsste also billiger werden, wenn man der Ankündigung von Tass folgt. Dazu beitragen solle der Agentur zufolge, dass die Waffe vollständig aus „kommerziellen Komponenten“ hergestellt werde. Das Militärdesign-Büro „Stratim“ führe derzeit Flugtests durch, so Tass, und wolle die neuen Drohnen noch in der ersten Jahreshälfte 2024 fertigstellen. (Michael Kister)
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