„Es ist absurd“

Carlsons Putin-Interview geht Freitagnacht online: Moderator erntet viel Kritik – „Ventil für Propaganda“

  • VonHelmi Krappitz
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Tucker Carlson weilt für ein Interview mit Wladimir Putin in Moskau – das sorgt für scharfe Kritik. Fachleute warnen vor Putins Marionettenspiel.

Update vom 8. Februar, 6.40 Uhr: Wladimir Putin gibt nur selten Interviews – und wenn, dann in der Regel Moskaus Staatsmedien. Westliche Medien blitzten seit Beginn des Ukraine-Kriegs dagegen mit ihren Anfragen stets ab. Zumindest bis jetzt. Der rechte US-Moderator Tucker Carlson hat tatsächlich ein ausführliches Interview mit Putin führen können. Das Gespräch soll noch am heutigen Abend auf Carlsons Internetseite veröffentlicht werden. Das kündigte Carlson auf Instagram an. Stichpunkt ist Mitternacht in Deuitschland (18.00 Uhr US-Ostküstenzeit).

Tucker Carlson hat ein ausführliches Interview mit Wladimir Putin geführt. Das sorgt für viel Kritik.

Tucker Carlson erntet Kritik für Ankündigung von Putin-Interview: „Ventil für Propaganda“

Moskau – Der frühere Fox-News-Moderator Tucker Carlson macht Ernst. Am Dienstagabend (6. Februar) teilte er auf der Plattform X, ehemals Twitter, ein Video – und kündigte sein Interview mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin an. „Wir sind heute Abend in Moskau“, hieß es. Der rechte US-Moderator erklärte, er werde das Interview führen, „weil es unser Job ist. Wir sind im Journalismus tätig. Es ist unsere Pflicht, die Menschen zu informieren.“ Das Interview werde „unbearbeitet“ und „nicht hinter einer Paywall“ auf seiner eigenen Internetseite und auf der Plattform X veröffentlicht.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow bestätigte am Mittwoch, dass das Interview bereits stattgefunden habe. Das Interview selbst ist noch nicht veröffentlicht, ein genauer Zeitpunkt wurde nicht genannt – doch schon die Ankündigung ist voller Unwahrheiten.

Ansprache auf X: Tucker Carlson kündigt Interview mit Putin an

Darin zieht Carlson in einem Monolog über westliche Medien her und wirft ihnen anti-russische Propaganda vor. Das sorgt für einen Aufschrei. Denn: Carlson behauptet in seinem Video, dass westliche Medien sich seit Beginn des Ukraine-Krieges nicht um ein Interview mit Putin bemüht hätten. Stattdessen hätten Journalistinnen und Journalisten Propaganda-Interviews mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj geführt. Das stimmt so nicht, denn Interview-Anfragen an den russischen Präsidenten wurden vom Kreml stets abgelehnt.

„Absurd“: Journalisten widersprechen Carlsons Behauptungen – Putin sagt westliche Interviews ab

Journalistin Christiane Amanpour vom US-Sender CNN widersprach Carlsons Darstellung prompt auf X: „Glaubt Tucker wirklich, dass wir Journalisten seit seiner umfassenden Invasion in der Ukraine nicht jeden Tag versucht haben, Präsident Putin zu interviewen?“, schrieb sie. „Es ist absurd – wir werden weiterhin um ein Interview bitten, so wie wir es schon seit Jahren tun.“ Auch BBC-Journalist Steve Rosenberg meldete sich auf der Plattform X zu Wort. In den letzten 18 Monaten habe BBC mehrere Anfragen an Putin und den Kreml geschickt – immer mit einem klaren „Nein“ als Antwort.

Putin-Interview: Carlson interviewt Kreml-Chef – Absagen an westliche Medien

„Er sagt, er interviewt Putin, weil die Meinungsfreiheit das Geburtsrecht der Amerikaner sei“, schrieb die BBC-Osteuropa-Korrespondentin Sarah Rainsford, die 2021 aus Russland ausgewiesen wurde, nachdem sie als Bedrohung für die nationale Sicherheit eingestuft wurde. „Ich schätze, er weiß, dass Putin es zu einem Verbrechen gemacht hat, die Wahrheit über Russlands Krieg gegen die Ukraine zu sagen? Dass unabhängige russische Journalisten geflohen sind, um dem Gefängnis zu entgehen?“

Während der rechte Ex-Fox News-Moderator in Russland ein Interview mit Putin führt, sind bekanntlich eine amerikanische Journalistin und ein US-Journalist in russischer Gefangenschaft, unter dem Vorwurf der Spionage. Dabei handelt es sich um die Reporterin von „Radio Free Europe“ Alsu Kurmasheva und den The Wall Street Journal-Reporter Evan Gershkovich.

Putin-Propaganda: Russland sieht den Westen als Feind – Carlson als Schachfigur?

Mit einem Interview wird Putin eine Plattform für seine Propaganda bereitgestellt. Laut der Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) sieht der Kreml-Chef den Krieg in der Ukraine als Kampf gegen den Westen und nicht gegen die Ukraine selbst. Ziel sei demnach, die westlichen Länder durch Verhandlungen davon zu überzeugen, die Ukraine als russisches Territorium anzuerkennen. Eine Zustimmung für ein Interview mit Carlson, könnte so ein Versuch Putins sein, den US-Amerikaner als Schachfigur einzusetzen. Schließlich berichtete auch die russische Nachrichtenagentur Tass von der anstehenden Interview-Veröffentlichung.

Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten

Zu den Scharfmachern im Ukraine-Krieg gehört auch Ramsan Kadyrow.
Am 2. März 2007 wählte das tschetschenische Parlament ihn auf Putins Vorschlag zum Präsidenten des Landes
Der russische Außenminister Sergei Lawrow ist so etwas wie „Putins rechte Hand“.
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs wiederholt Lawrow seine Vorwürfe, der Westen führe in der Ukraine Krieg gegen Russland.
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten

„Ventil für Putins Propaganda“: Carlsons Interview wird vermutlich Putins Ziele verfolgen

„Tucker Carlson ist kein Journalist, er ist ein Propagandist“, kritisierte der Politikwissenschaftler Ian Bremmer auf X. „Deshalb empfängt ihn Putin als Interviewpartner.“ Problematisch sei, dass der ehemalige Fox News-Moderator keine kritischen Fragen stelle und die Aussagen nicht einordne.

Auch der ehemalige langjährige Beamter des US-Außenministeriums, Steven Pifer, sieht eine Gefahr in Carlsons Putin-Interview: „Es ist bedauerlich, dass ein amerikanischer Moderator, der wahrscheinlich keine herausfordernden Fragen stellen wird, Putin ein Ventil für seine Propagandapunkte bietet“, sagte Pifer CNN. Putins Ziel sei es schließlich, die Spaltung zwischen Russland und dem Westen weiter zu schüren. (dpa/hk)

Rubriklistenbild: © Natalia Kolesnikowa und Giorgio Viera/afp