„Naives, illusorisches Konzept“

Russlands „rote Linien“ nur ein Bluff? Selenskyj meldet Erfolge bei Kursk-Offensive

  • Victoria Krumbeck
    VonVictoria Krumbeck
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Ein schwerer Vergeltungsschlag Russlands bleibt nach der Kursk-Offensive bislang aus. Selenskyj fordert den Westen zu mehr Mut auf.

Kiew – Mit Androhungen hat Russland lange versucht, die Ukraine und den Westen im Ukraine-Krieg zu kontrollieren. Stets ging es um die Einhaltung von „roten Linien“ von Russlands Präsident Wladimir Putin. Was bei einem Überschreiten passiert, kann sich der Westen nur ausmalen. Ein Vergeltungsschlag mit Atomwaffen scheint möglich, wie Moskau bereits mehrere Male seit Beginn des Krieges androhte. Mit der ukrainischen Offensive in Kursk wurde Putins „rote Linie“ allerdings deutlich überschritten. Eine Antwort aus Moskau lässt bislang auf sich warten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hält die „roten Linien“ des Kreml daher für einen Bluff.

Kursk-Offensive: Selenskyj hält Putins „rote Linie“ für einen Bluff

Am Montag (19. August) sagte Selenskyj vor Diplomaten in Kiew, dass der Angriff in Kursk zeige, dass die Drohungen des Kremls, einen Vergeltungsschlag auszuüben, ein Bluff gewesen seien, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. „Wir sind Zeugen einer bedeutenden ideologischen Verschiebung – das naive, illusorische Konzept der sogenannten roten Linien gegenüber Russland, das die Einschätzung des Krieges durch einige Partner dominierte, ist in diesen Tagen zerbröckelt“, so Selenskyj.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (l.) hält die „rote Linie“ von Präsident Wladimir Putin für einen Bluff.

In seiner Rede verwies er auch auf die Verbündeten, die Langstreckenwaffen geliefert haben, aber Kiew verboten hätten, diese tief in Russland einsetzen zu dürfen. Aus Sorge, Putins „rote Linie“ zu überschreiten. Aufgrund dieser Beschränkungen, könne die Ukraine die ihr zur Verfügung stehenden Waffen nicht einsetzen, um russische Militärziele anzugreifen. Daher forderte Selenskyj die Verbündeten auf, bei ihren Entscheidungen mutiger zu sein.

Russlands „rote Linie“ überschritten – Ukraine meldet Erfolge bei Kursk-Offensive

„Die Welt sieht, dass in diesem Krieg alles nur vom Mut abhängt – unserem Mut, dem Mut unserer Partner. Von mutigen Entscheidungen für die Ukraine, vom Mut, die Ukraine zu unterstützen“, sagte der ukrainische Präsident. Auch einige Experten finden, dass der Westen die „roten Linien“ überschätzt.

Derweil setzte die ukrainische Armee ihren Vormarsch in Kursk am Montag fort. „Stand heute kontrollieren unsere Streitkräfte mehr als 1250 Quadratkilometer feindlichen Gebiets“, zitiert die Nachrichtenagentur AFP Selenskyj. Am 6. August hatte die Ukraine den Vorstoß auf Kursk begonnen. Seitdem kontrolliert die ukrainische Armee Teile des Gebiets, darunter auch die strategisch wichtige Stadt Sudscha, wo ein Knotenpunkt für Gaslieferungen nach Westeuropa liegt. 

Ukraine-Vorstoß in Kursk: Berichte über zerstörte Brücken

Die ukrainischen Truppen sollen nach eigenen Angaben 92 Ortschaften kontrollieren. Zudem ist in den letzten Tagen die Zerstörung von zwei wichtigen Brücken über den Fluss Sejm gelungen. Somit konnten Moskaus Nachschubwege in die Kampfzone unterbrochen werden. Eine dritte Brücke über den Sejm sei am Wochenende angegriffen worden, wie ein russischer Militärermittler in einem Video, das der kremlfreundliche TV-Kommentator Wladimir Solowjew veröffentlichte, erklärte.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Nach Kursk-Offensive der Ukraine: Friedensverhandlungen rücken in die Ferne

Die Soldaten in Kursk sollen laut Selenskyj „unsere Ziele erreichen“. Dazu gehört die Schaffung einer „Pufferzone“ sowie die Erhöhung des Drucks auf Russland in Bezug auf Friedensverhandlungen. Selenskyj hatte den vollständigen Rückzug der russischen Armee von ukrainischem Staatsgebiet, einschließlich der bereits 2014 annektierten Halbinsel Krim, zur Bedingung für Verhandlungen gemacht. Dagegen fordert Russland den Rückzug der Ukraine aus vier von Russland besetzten Gebieten der Ukraine sowie den Verzicht auf eine Nato-Mitgliedschaft.

Moskau erteilte Verhandlungen mit Kiew am Montag eine Absage. „Angesichts dieser Eskapade werden wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht reden“, erklärte Kremlberater Juri Uschakow im Onlinedienst Telegram. Aktuell sei es „völlig unangebracht, in einen Verhandlungsprozess einzutreten“. Der ukrainische Vorstoß habe die Aussicht auf Friedensverhandlungen in die Ferne gerückt. Der Beginn möglicher Gespräche hänge „von der Situation im Kampfgebiet ab, auch in der Region Kursk“, erklärte Uschakow. (vk/afp/reuters)

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