Bittere Liste an Verlusten

Wegen „Schlachter von Bachmut“: In der Ukraine kursiert brisante Kritik an Selenskyj

  • Patrick Mayer
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Ein bekannter ukrainischer Militärblogger kritisiert heftig eine Personalrochade von Wolodymyr Selenskyj im Krieg mit Russland. Seine Argumentation hat es in sich.

Kiew - Seine Entscheidungen im Ukraine-Krieg werden in der Heimat immer kritischer gesehen. Präsident Wolodymyr Selenskyj muss sich nicht nur für die völlig verschleppte Rotation ukrainischer Front-Truppen rechtfertigen, sondern auch für den umstrittenen Entschluss, den Oberbefehlshaber in einer brenzligen Phase ausgetauscht zu haben.

Wolodymyr Selenskyj im Ukraine-Krieg: Präsident steht teils schwer in der Kritik

Anfang Februar hatte Selenskyj dem in der Bevölkerung und bei Soldaten beliebten General Walerij Saluschnyj den Oberbefehl nach einem wochenlangen Machtkampf entzogen. Für Saluschnyi rückte General Olexander Syrskyj nach, der bisherige Chef der Landstreitkräfte. Der „Verteidiger von Kiew“ (Saluschnyj) musste dem „Schlachter von Bachmut“ (Syrskyj) weichen, wie die beiden Kommandeure unter ukrainischen Truppen genannt werden. Ein Freund der Soldaten machte einem Platz, der keine Rücksicht auf Verluste nimmt, hieß es damals.

Seither mehren sich empfindliche Rückschläge im Abwehrkampf gegen die Invasion durch Russland. Ein bekannter ukrainischer Militärblogger hat diese bitteren Niederlagen jetzt zum Anlass genommen, um Selenskyj öffentlich heftig für die Demission Saluschnyjs zu kritisieren.

Nach Verlusten für Kiew: Ukrainischer Militärblogger übt scharfe Kritik

Igor Sushko, ein Ukrainer, der in den USA lebt, schrieb bei X (vormals Twitter): „Gerüchte in der Ukraine: General Saluschnyj wurde teilweise aufgrund seiner „übermäßigen“ Geheimhaltung bei Operationen abgelöst, wodurch viele nicht auf dem Laufenden gehalten wurden. FAKT: Seit seiner Entlassung hat die Ukraine in weniger als einer Woche Folgendes verloren: ein HIMARS-System, 2x PATRIOT-Abschussrampen, geparkte Hubschrauber.“ Das Posting wurde bis 19. März, Stand 18.40 Uhr, mehr als 1200 Mal retweetet, es bekam zudem mehr als 7100 „Gefällt mir“-Angaben.

Zur Einordnung: Russische Militärblogger hatten Anfang März ein Video geteilt, das die Zerstörung eines High Mobilitiy Artillery Rocket Systems, so der gesamte Name der HIMARS, zeigen soll. Ort und Zeitpunkt der Aufnahmen ließen sich nicht unabhängig verifizieren. Die Amerikaner hatten dem heimtückisch überfallenen Land insgesamt 39 HIMARS-Mehrfachraketenwerfer geliefert.

September 2023: Der damalige Chef des ukrainischen Heeres, Olexander Syrskyj (li.), und Präsident Wolodymyr Selenskyj besprechen sich unweit der Front bei Bachmut.

Bittere Verluste für die Ukraine: Blogger prangert Hubschrauber-Desaster an

Bis zu dem Drohnen-Video, das wohl wirklich ein explodierendes HIMARS dokumentiert, blieben sie auf den Schlachtfeldern zwischen Charkiw, Donbass und Saporischschja gänzlich unbeschadet. Sushkos Kritik zielt offenbar darauf ab, dass die ukrainischen Streitkräfte wichtiges militärisches Material (und womöglich auch Soldaten) seit Saluschnyjs Entlassung geradezu leichtfertig einbüßten.

Regelrecht verheerend ist das Video, das Sushko auf seinem X-Profil dazu teilte, das immerhin mehr als 305.000 Follower hat. Darunter sind andere ukrainische Blogger, internationale Journalisten sowie viele ukrainische Bürgerinnen und Bürger. Das Video entstammt wohl der russischen Armee, die darin festhielt, wie drei am Boden parkende ukrainische Militär-Hubschrauber auf einen Schlag ausgeschaltet wurden. Bitter: Laut des Global Firepower Index (GFI) hatten die ukrainischen Streitkräfte Stand 19. März gerade mal noch 72 einsatzfähige Helikopter.

Ukraine-Krieg: Kiew verliert HIMARS-System und Patriot-Abschussrampen

Bei den zerstörten Hubschraubern handelte es sich offenbar um alte Mil Mi-8 sowjetischer Bauart. Die Helikopter hatten sich seit dem russischen Einmarsch jedoch als wirkungsvoll erwiesen, nicht nur, weil an ihnen Panzerabwehr-Lenkflugkörper montiert werden können. Sie dienen vor allem dem Transport von Infanterie an brenzlige Frontlinien und der Rettung von Verwundeten.

Militärexperte Oberst Markus Reisner sprach kürzlich zudem von einem „signifikanten Erfolg der Russen: zwei Patriot-Werfer, die vermutlich inklusive eines Radars durch den gezielten Einsatz einer russischen Iskander-Rakete zerstört wurden“, erklärte der österreichische Offizier bei ntv.de. Mit Blick auf ein Video russischer Blogger zu dem Vorfall meinte er: „Erkennbar ist eine Kolonne von Fahrzeugen, die entlang einer Bewegungslinie fährt. Und diese (Kolonne, d. Red.) wird gezielt von einer Rakete angegriffen. Es gibt mehrere Detailaufnahmen von den Trümmern. Diese stehen den Experten zur Verfügung und es sprechen einige Merkmale für zwei Patriot-Werfer. Wer ganz genau hinsieht, kann also tatsächlich Patriot-Systeme erkennen.“

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Olexander Syrskyj: Ukrainischer General gilt als „Schlachter von Bachmut“

Besonders dieser Verlust alarmiert, während die Ukraine etliche westliche Panzer wie zwei britische Challenger 2 aufgeben musste. Deutschland hatte zwei Patriot-Luftabwehrsysteme mit mehreren Abschussrampen geliefert, die USA stellten ein System zur Luftverteidigung zur Verfügung. Ferner hatten die Niederlande zwei Patriot-Abschussrampen geschickt. Das war es dann aber auch schon. Eigentlich sollen die Luftabwehrsysteme kritische Infrastruktur in Großstädten schützen.

Doch: Nach Einschätzung von Militärexperten wie Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations (ECFR) verlegten die ukrainischen Streitkräfte Patriots zwischenzeitlich knapp hinter die Front, um russische Kampfjets abzuschießen. Diese Taktik ging in einem Fall nach hinten los. Welchen Anteil an den jüngsten Niederlagen Syrskyj hat, ist schwer zu bemessen. Dafür, dass Syrskyj im Fall von Awdijiwka verhängnisvoll lange zögerte, gibt es reichlich Hinweise. Syrskyj war früher bereits für die verlustreiche Verteidigung von Bachmut verantwortlich.

Zwischen Bachmut und Awdijiwka: Heftige Verluste unter Olexander Syrskyj

In Awdijiwka ließ er Mitte Februar die sprichwörtlich ausgebombte 110. mechanisierte Brigade aussichtslos ausharren, um dann einen chaotischen Rückzug anzuordnen. Bei diesem setzte er Elite-Truppen der 3. Angriffsbrigade aufs Spiel, die auf den letzten Drücker versprengte Einheiten aus der Stadt holten. Dennoch blieben wohl hunderte ukrainische Soldaten als Kriegsgefangene zurück. Ob Sushko in seinem kritischen Posting auf all das anspielen wollte? (pm)

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