„Schauen, was dieses Jahr passiert“

Putins Neujahrs-Rede: „Große Tradition“ in Russland – manchmal mit „Merkwürdigkeiten“

  • Florian Naumann
    VonFlorian Naumann
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Wladimir Putin hält alljährlich eine Neujahrsansprache – das ist „Tradition“ in allen elf Zeitzonen Russlands. Gibt es 2024 wieder ein „Zeichen“?

Vieles konnte an Wladimir Putins jüngsten Neujahrsansprachen auffallen. 2023 etwa der gewisse Irrwitz, just im Ukraine-Krieg das Jahr 2024 zum „Jahr der Familie“ zu erklären. Mitten in einem Krieg, der unzählige Väter von der Familie entfernt und sehr, sehr viele Väter, Söhne und auch Mütter und Töchter Leben oder Unversehrtheit kostet.

Vermutlich wird das auch in Russland in einigen Wohnzimmern Gesprächsstoff gewesen sein. Denn die Rede des Kreml-Chefs zum Jahreswechsel gehört in vielen russischen Haushalten zum traditionellen Feiertagsprogramm, wie die Bochumer Slawistin und gebürtige Russin Daria Krushcheva IPPEN.MEDIA erklärt – der Termin sei damit womöglich noch wichtiger als die Jahrespressekonferenz Putins.

Das ist der Administration in Moskau bewusst. Vor zwei Jahren etwa hatte Putin den Zusehenden auch im Fernsehbild eine Botschaft vorbereitet.

Putin setzte schon Zeichen mit Neujahrs-Ansprache – 2023 vermied er das Wort „Ukraine“

Damals war nicht etwa der Rote Platz, ein Raum des Kreml oder das Panorama der Hauptstadt Moskau im Hintergrund zu sehen. Dicht gedrängte Reihen von Soldatinnen und Soldaten hatte Putin als Kulisse gewählt. Als „sehr merkwürdig“ empfand Krushcheva diese Wahl – aber auch als vielsagend.

„Man merkt auch rein visuell, wie sich das Bild sich geändert hat – und was man damit sagen möchte; wie die Administration das präsentieren will“, sagt Krushcheva zum unerwarteten Szenenwechsel vor zwei Jahren.

Wladimir Putin spricht während seiner TV-Neujahrsbotschaft 2022 am Silvesterabend im Kreml in Moskau.

Zum Jahresende 2023 hatte Putin den Ukraine-Krieg dann weitgehend ausgeklammert. Ohne Nennung der Worte „Ukraine“, „Krieg“ oder auch nur „Spezialoperation“ dankte er damals „allen, die sich an einem Kampfplatz befinden“.

Abzuwarten bleibt, was Putin den Russinnen und Russen zu Silvester 2024/Neujahr 2025 anbietet. Auf der Bild- wie auf der Tonspur. Krushcheva wagt keine Prognose: „Mal schauen, was dieses Jahr passiert, wie er seine Neujahrsansprache vorbereitet“, sagt sie.

Putins Neujahrsansprache: Russische TV-„Tradition“ in elf Zeitzonen

Ausgestrahlt wird die Neujahrsansprache in Russland traditionell um Mitternacht – jeweils Ortszeit, in jeder der elf russischen Zeitzonen. Das heißt, die Rede Putins flimmert lange vor dem Jahreswechsel in Moskau (oder gar der westlichsten Exklave Kaliningrad) bereits mehrfach über Bildschirme im Land.

Der Ukraine-Krieg in Bildern – Zerstörung, Widerstand und Hoffnung

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine hat am 24. Februar 2022 begonnen. Im November konnten die ukrainischen Streitkräfte die Stadt Cherson befreien. Doch für die Menschen vor Ort ist die Lage noch immer katastrophal. Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser. Hier kämpfen sie um die Verteilung von Hilfsgütern im Zentrum der Stadt.
Am 24. Februar beginnt Russland mit dem Angriffskrieg auf die Ukraine. Die Stadt Tschuhujiw wird bereits am ersten Tag des Krieges bombardiert. Helena, eine 53 Jahre alte Lehrerin, steht dort vor einem Krankenhaus.
Das „Z“ findet sich, wie hier am Kontrollpunkt Perekop nahe der Halbinsel Krim, auf nahezu allen Militärfahrzeugen der russischen Armee. Es wird im weiteren Verlauf zum Symbol für den Überfall Russlands auf die Ukraine.
Zu Beginn des Ukraine-Kriegs kommt es wie hier in Moskau in zahlreichen Städten Russlands zu Demonstrationen. Die Staatsmacht im Kreml geht mit aller Härte gegen die Teilnehmenden vor. Tausende Personen werden verhaftet.
Der Ukraine-Krieg in Bildern – Zerstörung, Widerstand und Hoffnung

Die Ansprache am Silvesterabend werde stark wahrgenommen, erklärt Krushcheva. „Viele Familien verbringen die Ferien oder Silvester zusammen zu Hause, am Tisch, am Fernseher“, sagt sie: „Das ist eine sehr starke Tradition in Russland.“ Wie viele Menschen tatsächlich Putins Worte für bare Münze nehmen oder gar aktiv unterstützen, sei aber schwer einzuschätzen.

Das räumten sogar staatliche wie nicht-staatliche russische Meinungsforschungsinstitute ein, betont die Wissenschaftlerin der Ruhr-Universität Bochum. Ein Grund dafür seien veraltete Forschungsmethoden wie Festnetzanrufe – kombiniert mit der Angst vor Repression in Russland. (fn)

Rubriklistenbild: © dpa/Kremlin Press Service via AP