Drei Ansatz-Ecken
Deutschland „kriegstüchtig“ machen: Bundeswehr-Oberst erklärt, was Pistorius dafür tun sollte
VonHannes Niemeyerschließen
Kriegstüchtigkeit – das fordert Verteidigungsminister Pistorius für Deutschland. Aber was braucht es dafür? Ein Bundeswehr-Oberst hat Antworten.
Berlin – „Wir müssen wieder kriegstüchtig werden“. Wenige Tage ist es her, dass Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) diesen Satz tätigte – und damit eine neue Diskussion um die Wehrfähigkeit der Bundeswehr in Deutschland entfachte. Nicht nur der Krieg in der Ukraine, auch der nun eskalierte Krieg in Israel bringt wieder die Frage auf: Wie steht es im Ernstfall um die Wehrfähigkeit der Truppe?
Seinen Satz vom Sonntagabend im ZDF untermauerte Pistorius noch, warnte konkret, man müsse sich an den Gedanken gewöhnen, „dass die Gefahr eines Krieges in Europa drohen könnte“. Auf den Weg gebracht wurde dafür in der Theorie bereits einiges. Man erinnere sich beispielsweise an die „Zeitenwende“-Rede von Kanzler Olaf Scholz aus dem vergangenen Jahr, dem das 100-Milliarden-Sondervermögen für die Bundeswehr folgte. Einiges sei seitdem passiert, erklärt André Wüstner, Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbandes, im Interview mit dem Deutschlandfunk.
Bundeswehr wieder „kriegstüchtig“? Oberst nennt drei Ecken, an denen Pistirous ansetzen sollte
Wüstner sprach am Donnerstag von einer „Provokation“ des Ministers, die aber wichtig sei. „Die Welt fliegt uns gerade um die Ohren. Und deswegen müssen wir damit auseinandersetzen, schnellstmöglich verteidigungsfähig zu werden. Warum? Verteidigungsfähigkeit schreckt ab. Sind wir das nicht, laden wir ein. Das ist ein Kernproblem aktuell“, sagte Wüstner.
Noch liefen dafür viele Dinge zu langsam. Für eine bessere Verteidigungslage in Deutschland würde der Bundeswehr-Oberst daher an drei Eckpunkten ansetzen. „Verteidigungsfähigkeit hat drei Kategorien: Eine materielle Kategorie: Ausrüstung. Eine personelle: Stichwort Personalgewinnung und -bindung für die Streitkräfte. Eine dritte ist die Strukturelle“, erklärt Wüstner im Deutschlandfunk, wo er mit dem Sondervermögen tätig werden würde. Material und Personal sei von Pistorius seit seiner Amtsübernahme bereits adressiert worden, „da sind wir verbandlich noch im Streit mit ihm und sagen: Er muss beschleunigen“, ist er allerdings nicht vollends zufrieden mit der bisherigen Entwicklung.
„Qualitative Einsatzbereitschaftslage sinkt“: Bundeswehr-Oberst warnt vor Problemen bei Bundeswehr-Beschaffung
Auch im Beschaffungswesen gebe es bereits positive Tendenzen. Auch hier sei allerdings eine Beschleunigung notwendig. Die Bilanz zwischen Ausrüstungs-Abgaben an die Ukraine und dem eigenen Material-Zulauf ist allerdings weiterhin unausgeglichen. „Die qualitative Einsatzbereitschaftslage sinkt“, warnt Wüstner deshalb im Deutschlandfunk und fordert eine Beschleunigung bei der Beschaffung. Sein Wunsch: Dass Pistorius noch in diesem Jahr erneut den Dialog mit der Rüstungsindustrie sucht – und eine klarere Linie wählt. „Nicht in homöopathischen Dosen Haubitzen oder Kampfpanzer oder Munition nachbestellen, sondern der Industrie Planbarkeit geben für die nächsten zehn Jahre“, fordert er.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine




Laut Wüstner laufe man sonst die Gefahr, im Rüstungswettlauf mit Ländern wie Russland oder China ins Hintertreffen zu gelangen. Der Bundeswehr-Oberst fürchtet, man blicke sonst in einigen Jahren auf diesen Moment zurück und stelle fest, dass „wir wieder nicht hinterherkamen. Dann ist das mehr als nur schlecht“.
Bei der Bundeswehr-Zeitenwende kämpft Pistorius allerdings gerade zugleich an mehreren Fronten. Unter anderem wurde eine Funkgeräte-Bestellung für Bundeswehr-Fahrzeuge zum Fiasko.
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