„Mussten durch Gülle-Rohr schwimmen“

Kampf um Awdijiwka: Ukraine bestätigt Russlands Überraschungsangriff durch Kanalisation

  • Stephanie Munk
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Angriff über die Kanalisation: Ein russisches Kommando soll bei der Belagerung von Awdijiwka durch ein Abwasser-Rohr hinter die ukrainischen Linien gelangt sein.

Update vom 30. Januar, 11.15 Uhr: Den Überraschungsangriff der russischen Armee im Ukraine-Krieg durch ein zwei Kilometer langes Rohr bei Awdijiwka hat nun auch die Ukraine bestätigt. Demnach gelang den russischen Soldaten der Durchbruch durch ein stillgelegtes Abwasser-Rohr der Kanalisation.

Die Russen hätten „mehr als einen Kilometer im Gülle-Rohr schwimmen“ müssen und dabei „nicht ersticken“ dürfen, erklärte laut Bild die ukrainische Militäreinheit Khorne-Gruppe zu Drohnenaufnahmen auf Telegram. Auf diese Weise seien russische Soldaten unterirdisch in einen kleinen Vorort der seit Monaten umkämpfen Stadt Awdijiwka gelangt, „den die Russen nun erobern wollen“.

Die russischen Einheiten gruben sich demnach wochenlang durch das stillgelegte Abwasserrohr. Dadurch sei es Russland nach dreimonatigem erfolglosen Kampf gelungen, das erste Wohnquartier der ukrainischen Stadt im Donbass komplett unter Kontrolle zu bringen.

Ein ukrainischer Polizist geht vor einem brennenden Gebäude in der Stadt Awdijiwka in Deckung. (Archiv)

Erstmeldung: Kampf um Awdijiwka – Russisches Kommando stößt durch Pipeline vor

Awdijiwka – 150 Angehörige einer russischen Freiwilligen-Einheit, der Angriffsbrigade „Veteranen“, sollen durch ein zwei Kilometer langes Rohr unter den ukrainischen Verteidigungsstellungen im Süden von Awdijiwka in deren Rücken vorgedrungen sein. Das berichtet die russische Staatszeitung Rossijskaja Gaseta unter Berufung auf den Telegram-Kanal des Militärbloggers Kirill Fedorov. Diese Informationen können jedoch nicht unabhängig nachgeprüft werden.

Fedorov veröffentlichte auf seinem Kanal ein Video, dass angeblich die russischen Kämpfer dabei zeigt, wie sie mit einem Schweißgerät Ausgänge in die alte Pipeline schneiden. Die Operation sei lange vorbereitet gewesen, behauptet Federov.

Ein erster Versuch, so der Blogger, sei sogar abgebrochen worden: Im Tunnel sei zu wenig Sauerstoff gewesen, sodass erst Lüftungsschächte angelegt werden mussten. Dann, womöglich durch die neuen Lüftungsschächte, sei das Rohr von Regen geflutet worden.

Dieser Screenshot stammt aus einem Video, das ein russischer Kriegsblogger auf seinem Telegram-Kanal postete. Es soll russische Soldaten in dem Rohr unter Awdijiwka zeigen.

Ukraine-Krieg: Mit dem Untergrundangriff schließt sich langsam der Kessel um Awdijiwka

Beim nächsten Anlauf seien die russischen Soldaten dann erfolgreich gewesen und hätten die ukrainische Einheit im ehemaligen Erholungskomplex von Zarskaja Ochota überrascht. Es sei ihnen so gelungen, Gebiete im Südwesten von Awdijiwka einzunehmen. Dank des Angriffs haben die Russen wohl einen Geländegewinn von vier Kilometern verzeichnet, in dessen Zuge weitreichende Graben- und Bunkersysteme überrannt worden seien.

Damit schließt sich der Kessel um Awdijiwka zunehmend. Mark Cancian, ein pensionierter Oberst der US-Marine, sagte dem Business Insider, dass Russland hier wohl das gleiche Ziel verfolge wie einst bei Bachmut: Den Feind von drei Seiten zu attackieren. Nur noch im Nordwesten bleibt den Ukrainern freies Feld, über das sie Nachschub heranführen und Verwundete evakuieren können.

Tunnelkampf: Eine neue Taktik der Russen im Ukraine-Krieg?

Awdijiwka befindet sich bereits seit 2014 an der Frontlinie, den es liegt Luftlinie nur etwa 15 Kilometer von Donezk entfernt. Seit Oktober 2023, nach Ende der ukrainischen Gegenoffensive, intensiviert Russland Angriffe auf die Stadt wieder. Das Heer von Kreml-Chef Wladimir Putin wirft Brigade um Brigade in den Kampf und erleidet schwere Verluste: Im November sollen es laut dem britischen Verteidigungsministerium durchschnittlich mehr als 900 pro Tag gewesen sein. Im Dezember dürften es ähnlich viele gewesen sein. An Material verlor Russland laut Forbes alleine bei Awdijiwka bisher 143 Panzer und 228 gepanzerte Kampffahrzeuge.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Wenn es wirklich so geschehen ist, war der Tunnelvorstoß wohl nicht die erste Untergrundoperation im Ukraine-Krieg. Die russische Nachrichtenseite Pravda berichtete im November, dass russische Truppen angeblich ebenfalls im Umfeld von Awdijiwka in einem Tunnel eine 500 Kilogramm schwere Sprengladung gezündet hätten. Die russische Staatszeitung Rossijskaja Gaseta schrieb dazu, diesen Tunnel hätten Putins Streitkräfte aber selbst bis unter die ukrainischen Stellungen gegraben.

Rubriklistenbild: © Evgeniy Maloletka/AP

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