„Kann Besatzungsmitglied töten“

Effektive Panzerkiller: Russlands Armee entdeckt Schwachstelle an US-Koloss

  • Patrick Mayer
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Die ukrainischen Streitkräfte halten ihre amerikanischen Abrams-Panzer zurück. Das hat mit einer Waffe der Invasionstruppen von Wladimir Putin zu tun.

Donbass – 31 schwere Kampfpanzer M1 Abrams hat die Ukraine mittlerweile für ihren Verteidigungskampf gegen die russische Invasion erhalten. Zu sehen sind die bis zu 68 Tonnen schweren Stahl-Kolosse auf den Schlachtfeldern zwischen Donbass, Saporischschja und Cherson bislang aber nicht.

Panzer in der Ukraine: Russische Armee kennt Schwachstellen des M1 Abrams

Das hat mit eben jenen 68 Tonnen zu tun. Das immense Gewicht gereicht dem wuchtigen Gefährt in den tiefen Schlammböden des Winters zum Nachteil. Konkret: Der Abrams droht trotz 1521 PS schlicht stecken zu bleiben. Zum Vergleich: Ein deutscher Marder-Schützenpanzer wiegt gerade mal 42,5 Tonnen. Weil zudem die US-Militärhilfen für Kiew zum 31. Dezember ausgelaufen sind, gehen die Ukrainer nachweislich noch viel defensiver und vorsichtiger mit ihrem wertvollen Gerät aus den Vereinigten Staaten um.

Denn: Aktuell weiß niemand, wann die Regierung von Joe Biden (Demokraten) angesichts der Blockade im Kongress durch Donald Trumps Republikaner das nächste Paket für den Ukraine-Krieg schnüren kann. Russlands Armee hat indes längst eine Schwachstelle des M1 Abrams identifiziert, welche ein Militärblogger beschreibt.

Einer der gelieferten amerikanischen Abrams-Kampfpanzer im Dienst der ukrainischen Armee.

Abrams-Panzer der Ukraine: Panzerung als Schwachstelle auf dem Schlachtfeld?

„Angefangen beim Dach: Es ist groß und sehr dünn, etwa 25 Millimeter. Eine FPV (Kamikaze-Drohne, d. Red.) kann diese Stelle selbst mit einer alten Panzerabwehrladung durchdringen und ein Besatzungsmitglied töten oder verletzen. Die Drohne könnte verschiedene elektronische Komponenten im Turm beschädigen oder ihn in Brand setzen und die Besatzung zur Evakuierung zwingen“, schreibt Analyst Gabriel Silveira laut Wirtschaftsmagazin Forbes bei X (vormals Twitter).

Auch die Seitenpanzerung des M1 sei ein Problem. „An den Seiten des Rumpfes hat der Abrams einige ältere Seitenschweller aus Verbundpanzerung. Allerdings ist der Rest des Rumpfes durch einfache Seitenschweller aus Stahl abgedeckt und die Grundpanzerung an den Seiten des Rumpfes besteht ebenfalls aus Stahl“, meint der Militärblogger in seinem Beitrag weiter.

Abrams-Panzer für die Ukraine: Russische Panzerabwehrwaffen als große Gefahr

Überliefert ist: Der Turm hat eine Verbundpanzerung. Heißt: Stahlplatten mit Keramik-Verbundmaterial dazwischen werden in Sandwichbauweise nebeneinander angebracht und sollen insbesondere Hohlladungsgeschosse aus Panzerabwehrlenkwaffen abwehren. An der Turm-Front soll die Verbundpanzerung immerhin 88 Zentimeter dick sein. Bei moderneren Versionen wurde am Turm zusätzlich eine Reaktivpanzerung mit Sprengstoffkacheln angebracht, die beim Aufschlag einer Granate explodieren und deren Eindringen in den Turm verhindern sollen. Ob das bei den der Ukraine gelieferten Exemplaren der Fall ist, ist nicht bekannt.

Unter anderem der viel zitierte X-Account „OSINTtechnical“ hatte Anfang Dezember ein Foto von einem M1 Abrams der ukrainischen Armee geteilt - das bisher einzig bekannte. Der Account hat mehr als 900.000 Follower, darunter sind viele Journalisten, die sich mit dem völkerrechtswidrigen russischen Überfall auf das Nachbarland befassen. Im Zuge der Waffen-Lieferung hatte es zwar Bedenken wegen des wartungsintensiven Gasturbinentriebwerks Lycoming Textron AGT1500 gegeben. Die Gasturbine müsste eigentlich mit dem Flugturbinenkraftstoff JP-8 betankt werden, was die Logistik krass strapazieren würde - hier hakt es schon bei der Wartung der Leopard-2-Panzer aus Deutschland, Norwegen oder Kanada.

Ukraine-Krieg: Leopard-2-Panzer und M1 Abrams sind anfällig für Kamikaze-Drohnen

Mittlerweile hat sich jedoch gezeigt: Für die Gasturbine des M1 Abrams kann fast jede brennbare Flüssigkeit als Kraftstoff in beliebigen Mischungsverhältnissen verwendet werden. Aber: Die Abwehr der Kamikaze-Drohnen der Invasionsarmee von Kreml-Autokrat Wladimir Putin gestaltet sich tatsächlich viel schwieriger. Etliche Videos, die mutmaßlich von der russischen Seite in den Sozialen Medien verbreitet werden, lassen darauf schließen, dass sich etwa die „Leos“ gegen die Lancet-Drohne, eine „lauernde Lenkwaffe“ (loitering weapon), kaum oder gar nicht verteidigen lassen.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die „Leos“ haben zur Luftverteidigung nur ein schweres Maschinengewehr MG3 auf dem Dach montiert, das vom Kommandanten händisch bedient werden muss. Was die Trefferwahrscheinlichkeit gegen Drohnen extrem minimiert. Auch beim M1 Abrams fehlt eine serienmäßig eingebaute Luftverteidigung. Zwar hat der Panzer drei schwere Maschinengewehre auf der Karosserie – zwei M240 und ein Browning M2. Doch der Kommandant und der Ladeschütze kommen sich im Gefecht im schlechtesten Fall mit ihren Visieren in die Quere.

Gegen russische Armee: Ukrainer halten ihre M1 Abrams noch zurück

Gegen Lancet-Drohnen mit einer Geschwindigkeit zwischen 80 und 110 km/h sind die Maschinengewehre bis auf mögliche Glückstreffer wohl ohnehin machtlos, während die Ukrainer ihre Kamikaze-Drohnen an der Front geschickt im Verbund mit Minen und Artillerie einsetzen. Das Dach des Turms dürfte, zusammengefasst, also tatsächlich die Schwachstelle des M1 Abrams sein. Aktuell halten die Ukrainer die amerikanischen Kolosse aber ohnehin zurück. Weil sie nicht wissen, was Washington künftig an schweren Waffen liefern kann - oder nicht. (pm)

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