„Unter meiner Führung …“

Taurus-Lieferung an die Ukraine?: Merz signalisiert in Kiew politischen Kurswechsel

  • Felix Durach
    VonFelix Durach
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In Kiew deutet Bundeskanzler Friedrich Merz eine Änderung an. Künftig sollen Debatten über Waffenlieferungen im Ukraine-Krieg nicht mehr öffentlich stattfinden.

Kiew – Bei dem Besuch von Friedrich Merz in Kiew am Samstag stellte der neue Bundeskanzler auch weitreichende Waffenlieferungen der Koalition der Willigen an die Ukraine in Aussicht – sollte Russland der geforderten 30-tägigen Waffenruhe nicht zustimmen. Dabei kam auch schnell die Frage auf, ob neue Lieferungen auch den weitreichenden Marschflugkörper Taurus beinhalten könnten. Doch der einstige Taurus-Befürworter Merz zeigte sich am Samstag mit Blick auf das Waffensystem zurückhaltend – und kündigte eine grundsätzliche Änderung in der deutschen Politik mit Blick auf den Ukraine-Krieg an.

Merz weicht bei Taurus-Frage aus – und verkündet Wende bei Ukraine-Politik

„Wir werden alles, was wir an militärischer Hilfe der Ukraine zukommen lassen, eng abstimmen in der Europäischen Union und auch mit den Vereinigten Staaten von Amerika“, sagte Merz im Gespräch mit n-tv ausweichend auf die Frage nach einer Taurus-Lieferung. Auf eine erneute Nachfrage nach dem speziellen Waffensystem, sah sich Kanzler Merz dann offenbar zu einer Klarstellung gezwungen: „Unter meiner Führung wird die Debatte um Waffenlieferungen, Kaliber, Waffensysteme und und und aus der Öffentlichkeit herausgenommen“, so der CDU-Chef.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Ankündigung stellt eine echte Wende in der deutschen Ukraine-Politik dar. Unter Merz‘ Vorgänger Olaf Scholz (SPD) und dessen Ampel-Koalition wurden die Debatten über die Lieferungen von einzelnen Waffensystemen regelmäßig offen aus- und in die Bevölkerung getragen. Auf militärisch eher desinteressierte Bürgerinnen und Bürger diskutierten in den vergangenen Jahren deshalb plötzlich über Leoparden, Marder und eben den Taurus. Auch wenn dieser Umstand wohl vor allem mit der Uneinigkeit unter den Koalitionspartnern SPD, Grünen und FDP zu erklären war, strebt Merz in Zukunft eine Änderung an.

Waffenlieferungen im Ukraine-Krieg: Merz will Informationen mit Blick auf Russland reduzieren

Der Bundeskanzler bestätigte damit einen Reuters-Bericht von Freitag. Aus Regierungskreisen hatte es geheißen, dass künftig die Information über die Lieferung von Waffensystemen an die Ukraine reduziert werden solle, weil man eine „strategische Ambiguität“ in der Kommunikation erreichen wolle. Das Ziel dahinter sei auch, Russland keine strategischen Vorteile mehr zu verschaffen. Merz betonte, dass sich an der Zusage nichts ändere, dass man die Ukraine im Kampf gegen den russischen Angriff weiter unterstützen werden. Die Öffentlichkeit habe zwar ein berechtigtes Interesse an den Vorhaben der Regierung, in Zukunft sei die Antwort von Merz und seiner schwarz-roten Regierung jedoch lediglich, dass man die Ukraine ausreichend militärisch unterstützen werde. Zu der konkreten Frage – ob die Ukraine auf die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern hoffen darf – schwieg der Kanzler deshalb am Samstag ebenfalls.

Merz stellte umfassende militärische Hilfe für die Ukraine in Aussicht. Doch beim Thema Taurus verkündete der Kanzler eine Änderung.

Taurus-Lieferungen im Ukraine-Krieg: Neue Forderungen werden laut

Zum Wochenende waren die Forderungen nach einer Taurus-Lieferung von Deutschland an die Ukraine wieder laut geworden. Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) erwarte vom neuen Bundeskanzler, „dass er sich nicht hinter Formelkompromissen versteckt, sondern die Führungsverantwortung in Europa übernimmt, die unsere Partner seit langem erwarten, die sein Vorgänger aber hat vermissen lassen“. Das sagte die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Europaparlament der Rheinischen Post vom Samstag. Dazu gehöre die rasche und ausreichende Lieferung militärischer Ausrüstung, „einschließlich moderner Waffensysteme wie Taurus – neben humanitärer und wirtschaftlicher Hilfe“, betonte Strack-Zimmermann.

Taurus-Marschflugkörper

Der Taurus (Target Adaptive Unitary and Dispenser Robotic Ubiquity System) KEPD-350 (Kinetic Energy Penetrator and Destroyer) wird zur Bekämpfung von wichtigen Zielen über große Entfernung verwendet. Durch vier voneinander unabhängige Navigationssysteme findet der Luft-Boden-Lenkflugkörper sein Ziel sehr zuverlässig, auch bei gegnerischen Störmaßnahmen. Der MEPHISTO-Gefechtskopf des Taurus KEPD-350 durchschlägt im Zusammenwirken mit der Vor-Hohlladung selbst stark gehärtete Zielstrukturen, beispielsweise Bunkeranlagen oder Führungsgefechtsstände.

Quelle: Bundeswehr

Auch der frühere Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Christoph Heusgen, mahnte eine solche Lieferung an, sieht aber die neue Regierung auf gutem Kurs in der Ukraine-Politik. Die neue Bundesregierung habe „die richtigen Signale gesetzt“, sagte Heusgen der Rheinischen Post. „Sie will die Ukraine weiterhin unterstützen, und sie lässt auch keine Zweifel aufkommen, wer in diesem furchtbaren Konflikt Täter und Opfer ist.“

Merz will Taurus-Debatte aus der Öffentlichkeit heraushalten – spielt die SPD mit?

Ob Merz die Taurus-Debatte tatsächlich aus der Öffentlichkeit heraushalten kann, hängt auch von Position der SPD ab. Der damalige Generalsekretär Matthias Miersch hatte sich vor einigen Wochen ablehnend über eine Lieferung geäußert. „Ich gehe davon aus, dass wir hier nicht zu einer Eskalation beitragen wollen, dass wir nicht Kriegspartei werden wollen“, sagte Miersch, seit dieser Woche Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag, im RTL/ntv-„Frühstart“. Die Haltung der SPD ist somit weiterhin klar Contra-Taurus-Lieferung. (fd mit afp)

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