Ärger im Kreml
Putins „direkte Drohung“ – sägt der Präsident seinen Verteidigungsminister ab?
VonNils Thomas Hinsbergerschließen
Es rumort in Russlands Führungsebene. Ein Treffen zwischen Putin und dem Gouverneur Djumini könnte das Ende von Verteidigungsminister Schoigu bedeuten.
Moskau – Russlands Präsident Wladimir Putin scheint mit seinem Verteidigungsminister Sergej Schoigu auf Kriegsfuß zu stehen. Das vermutet zumindest der US-Thinktank Institute for the Study of War (ISW). Grund für die Annahme sei ein Treffen zwischen Putin und dem Gouverneur der russischen Oblast Tula, Alexei Djumin. Dieser gilt als Anhänger der berüchtigten Söldnertruppe Wagner. Weil Russland auch bei seinen Kriegszielen im Ukraine-Krieg hapert, könnte Schoigus Karriere auf dem Spiel stehen.
Bei den Gesprächen im Anwesen des Gouverneurs soll es vor allem um die Erfolge Djumins im Zusammenhang mit dem russischen Krieg in der Ukraine gegangen sein. Dabei habe er die Bedeutung Tulas als Zentrum der russischen Verteidigungsindustrie hervorgehoben. Die Oblast gilt als eines der Zentren der russischen Waffenproduktion und verfüge nun über ein Ausbildungszentrum für Drohnenpiloten – einer Waffe, der im Ukraine-Krieg eine besondere Bedeutung zukommt. Das ISW vermutet, dass Djumin so die Gunst des russischen Machthabers erlangen will.
Kriegsziele in der Ukraine nicht erreicht – muss Schoigu um sein Amt fürchten?
In dem mehr als zwei Jahre andauernden Krieg konnte Russland seine zentralen Ziele bislang nicht erreichen. Das räumte Putin auch in dem umstrittenen Interview mit Tucker Carlson, dem ehemaligen Fernsehmoderator des US-Senders Fox News, ein. „Russland hat die Ziele seiner ‚Sonderoperation‘ noch nicht erreicht“, stellte Putin in dem Gespräch fest – vielleicht ein Grund für das Treffen mit Djumin?
Laut dem ISW hätten zahlreiche Militärblogger spekuliert, dass Putin das Treffen mit Djumin selbst veröffentlicht habe, um so den Druck auf seinen Verteidigungsminister zu erhöhen. Manche sollen sogar davon ausgehen, dass der russische Präsident Schoigu damit habe bestrafen wollen. Dazu könne auch der Zeitpunkt der Gespräche passen, denn dieses fand kurz nach der Verhaftung des Vize-Verteidigungsministers und der erneuten Amtseinführung Putins am 7. Mai als russischer Präsident statt.
Warnschuss an Schoigu? Putin lässt Vize-Verteidigungsminister verhaften
Am 24. April ließ Putin den stellvertretenden Verteidigungsminister Timus Iwanow verhaften. Der Vorwurf: Iwanow soll sich bei der Vergabe von Aufträgen an Subunternehmer unrechtmäßig bereichert haben. Der Vize gilt als enger Vertrauter Schoigus und war in der Bauabteilung des Verteidigungsministeriums für den Wiederaufbau der Stadt Mariupol in der Ukraine verantwortlich. Diese wurde im Zuge des russischen Angriffskriegs weitestgehend zerstört, wie die Organisation Humas Rights Watch mitteilte.
Putins Zirkel der Macht im Kreml – die Vertrauten des russischen Präsidenten




Unter Experten wurde die Inhaftierung Iwanows bereits als Warnschuss für Schoigu gewertet. Es handele sich dabei um eine „direkte Drohung Putins an Verteidigungsminister Sergei Schoigu“, schrieb der ehemalige Oligarch und Kreml-Kritiker Michail Chodorowski auf X (ehemals Twitter). Auch David Silbey, us-amerikanischer Geschichtsprofessor in Washington, meinte gegenüber Newsweek, Putin habe mit der Verhaftung eine Botschaft an Schoigu senden wollen: „Das hättest du sein können.“
Ex-Leibwächter Putins und Wagner-Anhänger – löst Djumin Schoigu ab?
Nach dem vermeintlichen Warnschuss an Schoigu wird nun spekuliert, ob der amtierende Verteidigungsminister ausgedient habe – und das nicht zum ersten Mal. Denn bereits kurz nach dem Aufstand der Wagner-Truppe im vergangenen Jahr gab es Gerüchte darüber, dass Schoigu ersetzt werden soll. Auch damals stand Djumin als möglicher Nachfolger im Raum. Der ehemalige Sicherheitsagent hatte sich bereits einen Namen im Verteidigungsministerium gemacht.
Djumin war als Agent des staatlichen Sicherheitsdienstes (FSO) nicht nur für die Sicherheit Putins und anderer Staatsbeamter zuständig, er war auch schon Vize-Verteidigungsminister unter Schoigu. Schon im vergangenen Jahr vermuteten Analysten, dass er den Posten als Verteidigungsminister anstrebe. Der kremlfreundliche Politikanalyst Sergej Markow teilte diese Annahme. Jedoch glaubte er nicht daran, dass dieser Wechsel sofort geschehe, wie er auf seinem Telegram-Kanal schrieb. nhi)
Rubriklistenbild: © IMAGO/Alexander Kazakov/Itar-Tass

