Elektronische Kriegsführung

Killer-Drohnen im Ukraine-Krieg: Wie Kiew an Gegenmaßnahmen arbeitet

  • Nils Thomas Hinsberger
    VonNils Thomas Hinsberger
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Die Frontlinien im Ukraine-Krieg werden von autonom fliegenden Drohnen „überrannt“. Kann die Ukraine bei dem technologischen Vorsprung Russlands mithalten?

Kiew – Der Ukraine-Krieg gegen Russland wird derzeit vor allem durch den Einsatz sogenannter FPV-Drohnen geprägt. Die unbemannten Flugobjekte können aus der Ferne gesteuert werden und so zu präzisen und verheerenden Angriffen genutzt werden. Eine Frage, die sich nun stellt, ist, wie man sich gegen die Masse an Drohnen verteidigen soll. Die Lösung: elektronische Störsender.

Mit diesen sei die Armee der Ukraine bereits in der Lage, die Navigation von russischen FPV-Drohnen anzugreifen, oder die Waffensysteme gänzlich zu „lähmen“ und somit unbrauchbar zu machen. Jedoch bestehe für die ukrainische Armee das Problem, dass die russischen Drohnen auf immer neue Frequenzen umgestellt würden, berichtete die Zeitung Le Monde. Damit befinden sich die beiden Länder in einem steten technologischen Wettrennen.

Drohnenabwehr im Ukraine-Krieg – ukrainische Unternehmen arbeiten an neuen Störsendern

Mithilfe der Störsender, auch REB (aus dem Russischen: Radioelektronische Kampfführung) genannt, werden entlang der Front Kraftfelder erzeugt, die Angriffe von FPV-Drohnen abwehren sollen. Damit könne von den Truppen, teure und dringend benötigte Munitionslager oder Ausrüstung geschützt werden. Doch aufgrund der schieren Anzahl russischer Drohnen benötige die Ukraine wesentlich mehr solcher Systeme, um die Stellungen in den Frontabschnitten halten zu können.

Russische Soldaten errichten einen Störsender gegen ukrainische Drohnen. Elektronische Kriegsführung spielt im Ukraine-Krieg eine immer wichtigere Rolle.

„Die Front wird von kleinen Drohnen wie DJI Mavics überrannt“, sagte Oleksiy Tcherniouk, der Vize-Präsident des Unternehmen Kvertus, einer der drei wichtigsten Hersteller von Signalstörern der Ukraine, gegenüber Le Monde. Kvertus entwerfe immer neue Formen der Drohnenabwehr, die sich in Größe und damit auch in ihrer Reichweite massiv unterscheiden.

Der kleinste Störsender könne sogar von einem einzelnen Soldaten getragen werden und ähnele in seiner Form einem handelsüblichen Gewehr. Doch es geht auch deutlich größer. Manche elektronischen Verteidigungstechniken müssen von Fahrzeugen befördert werden, zumal deren Batterien oft schwerer sind als die Geräte selbst. Neben den transportablen REBs existieren aber auch stationäre Störsender.

Rennen um die Frequenzen – Störsender „nach vier Monaten veraltet“

Russland kann im Gegensatz zur Ukraine auf einen großen Erfahrungsschatz in der elektronischen Kriegsführung zurückblicken. Schon seit 2009 soll das Land massiv in die Herstellung von Störsendern investiert haben, sagte der Chef der Abteilung für elektronische und Cyber-Kriegsführung des ukrainischen Generalstabs, Ivan Pawlenko dem US-Sender BBC. Die Armee von Russlands Machthaber Wladimir Putin soll bereits mehr als 60 verschiedene REBs entwickelt haben.

Doch auch der Entwicklungsvorsprung hilft der Russland wenig, wenn die Ukraine die Frequenzen ihrer Drohnen anpasst. „Die meisten Systeme sind nach vier Monaten veraltet“, zitiert LE Monde Jaroslaw Kalinin, den Chef des ukrainischen Rüstungsunternehmens Infozahyst. Er erkenne zwar die Erfahrungen Russlands in diesem Bereich an, gibt aber zu bedenken, dass viele der von Russland eingesetzten Störsender sperrig und leicht zu entdecken seien. „Die Russen können sie nicht nutzen und versuchen, sie zu miniaturisieren“, so Kalinin.

Ukraine verbucht große Erfolge mit Drohnenangriffen gegen Putins Armee

Dass die Ukraine im Drohnenkrieg mit Russland durchaus mithalten kann, lässt sich an den jüngsten Erfolgen der Armee beobachten. Wie die Kyiv Post berichtete, hätten ukrainische Truppen kürzlich mehrere russische Soldaten, zwei Kampffahrzeuge und einen Schützenpanzerwagen der russischen Armee „eliminiert“.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die militärischen Erfolge teilten die Special Operations Forces der Ukraine (SSO) in einem Video auf der Plattform Telegram. In dem Film ist zu sehen, wie die russischen Ziele von POV-Drohnen erst entdeckt und dann attackiert werden. Die Echtheit des Materials lässt sich nicht unabhängig überprüfen. Trotzdem könnten diese Bilder ein Beweis dafür sein, dass die Ukraine der elektronischen Kriegsführung Russlands durchaus etwas entgegenzusetzen hat.

Kalinin vom Rüstungsunternehmen Infozahyst weiß um die Bedeutung von REB-Systemen, auch wegen seiner Erfahrungen im Ukraine-Krieg. Seiner Meinung nach unterschätze der Westen die Bedrohung durch die unbemannten Militärflugzeuge. Seiner Meinung nach könnten FPV-Drohnen zu einer „globalen Sicherheitsbedrohung“ werden. Vor allem dann, „wenn künstliche Intelligenz auf Drohnen angewendet wird“, sagte er. „Es wird dann sehr schwierig sein, Flughäfen und Bahnhöfe zu schützen, selbst im Herzen Europas.“ (nhi)

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