Fit zwischen 10 und 16 Uhr

Präsident in Teilzeit: Biden will nach TV-Fiasko auf Abendtermine verzichten – skurriler Grund

  • VonSimon Schröder
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Geständnis nach Aussetzern im TV-Duell gegen Trump: Joe Biden will seine Abendtermine reduzieren. Denn dann holt ihn die Müdigkeit ein.

Washington D.C. – Nach dem desaströsen TV-Duell will Präsident Joe Biden wohl künftig seine Abendtermine beschränken. Als ältester Präsident der USA scheint er gerade in den Abendstunden nicht mehr ganz fit zu sein. Dies soll der Präsident bei einem Treffen den demokratischen Gouverneurinnen und Gouverneuren mitgeteilt haben, wie die New York Times und CNN unter Berufung auf nicht namentlich genannte Quellen berichten.

Bereits kurz nach dem TV-Duell berichtete Axios, dass der Präsident vor allem zwischen 10.00 Uhr am Morgen und 16.00 Uhr am Nachmittag am leistungsfähigsten sei, wie anonyme Quellen aus Bidens Umfeld Axios mitgeteilt hätten. Deshalb sind die Wahlkampfveranstaltungen des Präsidenten auch überwiegend während diesem Zeitfenster geplant, wie es weiter heißt. Das Treffen mit den Gouverneurinnen und Gouverneuren scheint nun ähnliches zu bestätigen.

Nach Fiasko beim TV-Duell: Biden will weniger Abendtermine vor US-Wahl – wegen Gesundheit?

Außerdem habe er nach dem TV-Duell angekündigt, dass er mehr schlafen und weniger arbeiten müsse, weshalb er nach 20:00 Uhr keine Veranstaltungen und Abendtermine mehr ansetzen werde. Viele Gouverneure hätte Bidens Bemerkung verärgert, wie es auf CNN heißt. Jedoch forderte keiner der Gouverneure Biden direkt auf, sich vom Präsidentschaftswahlkampf zurückzuziehen und einem jüngeren Demokraten die Zügel zu überlassen.

Biden versichert: „Ich gehe nirgendwo hin.“

TV-Duell mit Trump: Bidens Ausfälle häufen sich

Doch bereits vor der Debatte mit Donald Trump sollen sich Bidens Ausfälle gehäuft haben, wie die New York Times in einer Analyse schreibt. In den Wochen vor dem TV-Duell hatte Biden einen harten Monat. Zweimal war er in Europa – einmal beim Gedenktag zum D-Day in Frankreich, dann in Italien beim G7-Gipfel. Und zwischendurch wieder in Kalifornien bei einer Spendenveranstaltung.

Nach zwei Tagen Pause fing er an, sich auf die Debatte mit Trump vorzubereiten. Am Tag selbst, wenige Minuten nach Beginn des TV-Duells, teilte sein Team dann mit, er habe eine Erkältung. Biden erklärte nach der Debatte, die vielen Reisen hätten ihn erschöpft. „Ich war nicht gerade schlau. Ich hatte mich dazu entschlossen, ein paar Mal durch die Welt zu reisen.“ Biden fügte hinzu: „Ich hab nicht auf mein Team gehört, kam zurück und auf der Bühne schlief ich ein.“

Doch auch im Vorfeld der Debatte hatte Biden auf seinen Reisen Aussetzer. So zum Beispiel beim D-Day Gedenktag in der Normandie am 6. Juni. Am Tag darauf verwechselte er Details über die Ukraine-Hilfen beim Treffen mit Wolodymyr Selenskyj. Darauf folgten einige weitere kleine Vorfälle, bei denen der Präsident seinen Gedankengang zu verlieren schien. Doch alles in allem beschrieben seine Verbündeten und auch andere Staatsmänner ihn als fit im Vorfeld der Debatte.

Biden mit Auftritten nach dem TV-Duell mit neuer Energie: Interview auf ABC News muss überzeugen

Doch gerade beim TV-Duell konnte Biden ganz und gar nicht überzeugen. Auch Douglas Brinkely, US-Historiker, der sich viel mit den amerikanischen Präsidenten beschäftigt, äußerte sich mit Sorge gegenüber der New York Times: „Man muss nicht mit Joe Biden im Oval Office sitzen, um zu erkennen, dass er in den letzten zwei Jahren abgebaut hat. Es gibt einen sichtbaren Unterschied.“

Seit dem Auftritt bei CNN versucht Biden tunlichst zu beweisen, dass seine mentalen Fähigkeiten nach wie vor ausreichen, um das Amt des amerikanischen Präsidenten souverän zu bekleiden. Nur einen Tag nach der Debatte schien Biden bei einer Wahlkampfveranstaltung in Raleigh, North Dakota voller Energie.

Joe Biden: Leben und Karriere des 46. US-Präsidenten in Bildern

Joe Biden gehört seit vielen Jahren zum Establishment der Demokratischen Partei und blickt auf eine lange politische Karriere zurück. Bei der US-Wahl 2020 ist es ihm im dritten Anlauf endlich gelungen, sein großes Ziel zu erreichen: Biden ist zum 46. Präsidenten der USA gewählt worden. Es war die Krönung eines jahrzehntelangen Politikerlebens, in dem er auch schwere Schicksalsschläge zu verkraften hatte.
Joseph „Joe“ Robinette Biden, Jr. wurde am 20. November 1942 in Scranton (Pennsylvania) geboren. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften begann der Jurist Ende der 60er-Jahre, sich politisch zu engagieren. Zunächst ließ er sich im US-Bundesstaat Delaware als Unabhängiger registrieren – weil er weder den republikanischen Präsidenten Richard Nixon noch den demokratischen Gouverneur Charles Terry ausstehen konnte. Um die Lage nach der Ermordung von Martin Luther King im April 1968 zu beruhigen, hatte Terry die Nationalgrade zu Hilfe gerufen. Für Biden wurde die Bürgerrechtsbewegung zum Auslöser seiner Politisierung.
Im Jahr 1972 trat Biden im Alter von nur 29 Jahren bei der Wahl zum US-Senat an. Er besiegte den langjährigen republikanischen Vertreter Cale Boggs und zog als einer der jüngsten Senatoren in den Kongress ein. Der Triumph wurde allerdings von einem schweren Autounfall am 18. Dezember 1972 überschattet, bei dem seine erste Ehefrau Neilia und Tochter Naomi ums Leben kamen. Die Söhne Beau und Hunter überlebten verletzt. Seinen Eid legte Biden im Januar 1973 am Krankenbett von Beau ab, dessen Bein immer noch im Streckverband war. 1977 heiratete Biden die Lehrerin Jill Tracy Jacobs. Aus dieser Ehe stammt Tochter Ashley.
Von 1973 bis 2009 saß Biden 36 Jahre lang als Vertreter des Bundesstaates Delaware im Senat. Er wohnte allerdings weiterhin in Wilmington (Delaware) und pendelte jeden Tag per Bahn nach Washington, D.C. 1994 war er maßgeblich an einem heute kontrovers diskutierten Gesetz zur Reform des Strafrechts und der Inneren Sicherheit beteiligt. Mitte der 90er sprach er sich für die Nato-Intervention in Bosnien-Herzegowina und die Bombardierung Serbiens im Kosovo-Krieg 1999 aus. Im Jahr 2002 stimmte er für die Irak-Resolution.
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Nach Patzer bei TV-Duell: Biden stellt sich einem neuen Interview

Um die Wählerschaft wieder auf seine Seite zu ziehen, wird sich Biden am Freitag (5. Juli) auf ABC News George Stephanopoulos Fragen stellen. Nachdem das Interview ursprünglich für den Sonntag angesetzt war, drängt die Zeit. Biden und sein Team müssen sowohl die Demokraten als auch potenzielle Wählerinnen und Wähler von einem Überzeugen: Der 81-Jährige kann auch weitere vier Jahre die USA führen. (sischr/dpa)

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