Straßenkämpfe an der Grenze

Ukrainischer Gegenangriff in Wowtschansk wirft Putins Charkiw-Offensive zurück

  • Michael Kister
    VonMichael Kister
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Der rapide russische Vormarsch auf Charkiw stockt. Wowtschansk sieht schwere Straßenkämpfe und westliche Waffen könnten die Wende im Osten bringen.

Charkiw – Die Kämpfe toben im Ukraine-Krieg östlich von Charkiw, der zweitgrößten Stadt des angegriffenen Landes, unweit der russischen Grenzregion Belgorod. Seitdem Wladimir Putin seine Truppen am 10. Mai über die Grenze schickte und mehrere Dörfer im bisherigen Niemandsland besetzen ließ, versuchen seine Soldaten, so nah wie möglich an die Millionenstadt heranzurücken. Nachdem sie teils bis zu 10 Kilometer vorstoßen konnten, sollen die Ukrainer sie nun in Wowtschansk aufgehalten und einen erfolgreichen Gegenangriff vorgetragen haben.

Westliche Militärexperten bezweifeln, dass Russland an der Grenze die notwendigen Kräfte zusammengezogen hat, um Charkiw zu erobern. Stattdessen sind die Ziele des russischen Vorstoßes wohl zweigeteilt: Die ukrainischen Truppen sollen zurückgedrängt werden, um ihnen die Fähigkeit zu Artillerie- und Drohnenschlägen sowie Kommandooperationen auf dem Gebiet der russischen Grenzregion Belgorod zu verwehren. Ebenso wichtig ist es den russischen Kommandeuren aber, sich Charkiw auf etwa 25 Kilometer zu nähern, was der Reichweite ihrer Standard-Rohrartillerie entspricht, um die Stadt noch stärker unter Feuer nehmen zu können.

Männer der ukrainischen Nationalgarde trainieren in der Region Charkiw.

Ukrainischer Gegenangriff bei Wowtschansk bringt Charkiw-Offensive ins Stocken

Der ukrainische Oberkommandierende Oleksandr Syrskyj schrieb schon am 23. Mai auf Facebook, die russischen Truppen hätten sich in den Straßen von Wowtschansk „vollkommen festgefahren“ und „sehr schwere Verluste“ erlitten. Einen Tag später gab Ihor Prokhorenko, ein Vertreter des ukrainischen Generalstabs, in Kiew bekannt, dass man im Bereich Charkiw Gegenangriffe durchführe. Deren Erfolg wird vom Lagebericht des Institute for the Study of War (ISW) zum gestrigen 3. Juni bestätigt: Dort heißt es, dass ukrainische Truppen eine Stellung entlang der Dukhovna Straße im Zentrum von Wowtschansk zurückgewinnen konnten.

Die Front verläuft hier weitgehend entlang der Wowtscha, eines Nebenflusses des Siwerskyj Donez. Sie fließt durch die Stadt und bildet ein natürliches Hindernis: Nördlich des Flusses stehen die Russen, südlich die Ukrainer. Die Dukhovna Straße befindet sich nun aber nördlich der Wowtscha, sodass der ukrainische Gegenangriff offenbar einen Brückenkopf auf dem überwiegend feindlich kontrollierten Flussufer sichern konnte.

Ukrainischer Späher: Wowtschansk schlimmer als Bachmut

Wowtschansk wurde besonders hart von russischen Gleitbomben getroffen. Der ukrainische Späher Andrii, der hier mit seiner 82. Luftsturm-Brigade im Einsatz ist, nannte „den Grad der Zerstörung“ dem Kyiv Independent gegenüber „verrückt“, er habe „solch eine Intensität von Beschuss und Kämpfen“ nicht einmal in Bachmut erlebt. Auf die Bombardements folgten jeweils Angriffe gemischter Verbände aus Vertragssoldaten, Fallschirmjägern und tschetschenischen Achmat-Kämpfern, so Andrii weiter.

Der schnelle Vormarsch der russischen Einheiten in den ersten Tagen der Grenz-Offensive scheint mittlerweile jedoch ein Ende gefunden zu haben. Yuryi Povkh, Sprecher der ukrainischen Streitkräftegruppe Charkiw, sagte dem ukrainischen öffentlich-rechtlichen Medium Suspilne Charkiw, dass russische Truppen die Intensität ihrer Angriffe im nördlichen Oblast Charkiw leicht zurückgefahren hätten und ukrainische Stellungen mit kleinen Truppenverbänden stürmten, die „nicht mehr als ein paar motorisierte Schützeneinheiten“ umfassten.

Westliche Waffen helfen, die russische Offensive auszubremsen

Das mag mit an den Lieferungen von westlichen Waffen, die endlich wieder tröpfchenweise in der Ukraine eintreffen, und der Erlaubnis liegen, sie auch auf russischem Territorium einzusetzen – solange es der Abwehr von Angriffen auf die Region Charkiw dient. Eine Aufnahme von 324 leeren Hüllen für Himars-Raketen vom Montag legt nahe, dass die Ukraine nun selbst verstärkt zurückschießen kann. Es traf wohl unter anderem eine Luftverteidigungsstellung rund 50 Kilometer hinter der russischen Grenze und ein Raketenlager in Schebekino, beides in der russischen Oblast Belgorod.

Die Oblast Charkiw ist jedoch nur ein Nebenschauplatz

Folgt man auf der ukrainischen Seite aber dem Grenzverlauf in Richtung Westen, so gelangt man über das ebenfalls umkämpfte Starytsya nach Hlyboke, dem zweiten Brennpunkt der Gefechte in der Nähe von Charkiw. Dort kämpfen sich die Russen Straße für Straße vor, ohne dass ukrainische Gegenangriffe sie aufhalten könnten. Das ISW hat Bildmaterial geolokalisiert, das belegt, dass russische Truppen in den vergangenen Tagen in der Ortschaft begrenzte Geländegewinne verzeichneten. Damit stehen sie bereits etwa 40 Kilometer vom Stadtzentrum Charkiws entfernt – 15 Kilometer fehlen noch, bis die Rohrartillerie in Reichweite ist.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Region Charkiw scheint allerdings weiterhin ein Nebenschauplatz des Krieges zu sein, denn Russland konzentriert seine Kräfte auf die Oblaste Donezk und Luhansk. Diese Verwaltungsbezirke vollständig zu erobern sei nach wie vor das Offensivziel der russischen Streitkräfte für das Jahr 2024, so Generalleutnant Oleksandr Pawljuk, Oberbefehlshaber des ukrainischen Heeres, Anfang Mai gegenüber der britischen Times. Dort werde ab Juni oder Juli auch eine russische Sommeroffensive erwartet, so der Offizier.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Madiyevskyy Vyacheslav/Ukrinform

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