Insektenrückgang in deutschen Wäldern
75 Prozent weniger Insekten: Warum immer mehr Krabbeltiere sterben
VonJulia Cuprakowaschließen
Durch den Klimawandel erscheinen Blüten und Blätter im Frühjahr oft früher als sonst. Dies führt vor allem in den Wäldern zu einem Rückgang der Insekten.
Das laufende Jahr wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das bisher wärmste. Das teilte der europäische Klimadienst Copernicus mit. Demnach war der Oktober 2023 nicht nur der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen, sondern nach Angaben des Weltklimarats IPCC sogar der wärmste seit 125.000 Jahren.
Doch nicht nur der Herbst ist besonders warm, auch der Frühling kommt im Zuge des Klimawandels mittlerweile recht früh. Gut für die Insekten, weil sie dann früher etwas zu fressen haben? Das Gegenteil könnte der Fall sein, sagen Forscher.
Ein früheres Ergrünen und Blühen der Natur im Frühling kann einer Studie zufolge vor allem in Wäldern zu weniger Insekten führen. „Die Klimaerwärmung trägt auf diesem Weg wahrscheinlich zum Teil zum dramatischen Insektenrückgang bei“, schreibt das süddeutsche Forscherteam im Fachmagazin „Communications Biology“.
Weniger Insekten durch Klimawandel – Blattkronen im Frühjahr früher dicht
Die Ursache liegt also in einer Wechselwirkung: Schlüpfen pflanzenfressende Insektenlarven deutlich vor dem Blattaustrieb, drohen sie zu verhungern. Schlüpfen sie dagegen erst lange nach dem Blattaustrieb, kann die Nahrungsqualität deutlich schlechter sein, da frische Blätter am verdaulichsten und eiweißreichsten sind und oft die wenigsten Schutzstoffe enthalten.
Eine weitere mögliche Erklärung für den extremen Insektenrückgang ist, dass sich die Baumkronen früher schließen, weil sie schneller ergrünen. Das hat zur Folge, dass die Vegetation darunter beschattet wird und die Temperaturen sinken. Das wiederum wirkt sich negativ auf die Insekten aus. Für andere Landschaftstypen wie Wiesen, Äcker und Siedlungen sind die Ergebnisse laut dem Team weniger eindeutig.
Für die Studie wurde für rund 180 Standorte in Bayern untersucht, wie der Zeitpunkt des Frühlingserwachens mit der Anzahl und Vielfalt der Insekten im Jahresverlauf zusammenhängt. Dazu nutzten die Wissenschaftler Satellitendaten der Jahre 2017 bis 2019 sowie Insektenfallen. Und während im Wald die Insektenpopulation zurückgeht, gibt es in den Gärten eine regelrechte Stinkwanzenplage.
Weitere Studie: Ungünstige Wetterbedingungen als Ursache für Rückgang der Insekten
Eine weitere Studie, die im September 2023 vorgestellt wurde, bestätigt den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und dem massiven Rückgang der Insektenpopulation. Demnach hat eine Häufung ungünstiger Witterungsbedingungen den in den vergangenen Jahrzehnten beobachteten Rückgang der Fluginsekten in Deutschland deutlich beeinflusst.
Ausgewertete Wetterdaten stimmten mit dem Rückgang der Insektenmasse überein, berichtet das Forscherteam um Jörg Müller von der Universität Würzburg im Fachmagazin „Nature“. Andere Tiere profitieren vom Klimawandel für sich und breiten sich in Deutschland aus. Dazu gehört zum Beispiel die Nosferatu-Spinne.
Allerdings wurde die Studie in der Fachwelt kontrovers diskutiert. Es wurde betont, dass die Ergebnisse keinesfalls den Schluss zulassen, dass Wetterphänomene allein den dramatischen Verlust an Insektenbiomasse in den letzten Jahrzehnten erklären können. Ein großer Einfluss des Wetters bedeute nicht, dass andere Faktoren wie Pestizideinsatz und Landnutzungsänderungen nicht ebenfalls einen großen Einfluss hätten.
Insektenrückgang in Deutschland: Schwund um 75 Prozent
2017 hatte ein Team um Caspar Hallmann von der Radboud Universität in Nijmegen (Niederlande) bei der Auswertung von Daten Krefelder Entomologen einen dramatischen Rückgang der Masse von Fluginsekten in Teilen Deutschlands festgestellt. Demnach hat die Gesamtmasse zwischen 1989 und 2016 um mehr als 75 Prozent abgenommen. Als Hauptursachen gelten bisher die Intensivierung der Landwirtschaft und der Verlust von Lebensräumen.
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