Widersprüchliche Argumente

Was steckt hinter Taurus-Kalkül von Scholz? Kanzler könnte mit Putin-Sieg rechnen

  • Stephanie Munk
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Scholz nennt bei seinem Nein zu Taurus für die Ukraine umstrittene Argumente. Steckt hinter dem Zögern des Kanzlers die Befürchtung, dass Putin den Ukraine-Krieg bald gewinnt?

Berlin – Olaf Scholz (SPD) wollte die Debatte eigentlich längst beendet haben. Aber es gelingt ihm nicht. Die Diskussion um Taurus-Lieferungen an die Ukraine läuft weiter, trotz seines halbherzigen Bastas. „Ich bin der Kanzler, also gilt das“, sagte Scholz vorige Woche beim Besuch einer Schule in Sindelfingen.

Dass das Machtwort verpufft ist, hängt wohl auch damit zusammen, dass Scholz nicht Klartext zu reden scheint – und womöglich andere Motive im Hintergrund stehen. Hinter Scholz‘ kategorischem Nein, das er nicht nachvollziehbar begründet, könnte die Furcht stehen, dass Wladimir Putin den Krieg gegen die Ukraine bald gewinnt. Dann würde Deutschland seine Taurus-Marschflugkörper als Abschreckung gegen Russland dringend benötigen.

Bundeskanzler Olaf Scholz (r.) und Russlands Präsident Wladimir Putin.

Putin muss bei Sieg über Ukraine weiter gestoppt werden – Taurus als wichtiger Faktor

Diese These stelle die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Beitrag auf. Der Gedankengang: Wenn Russland den Krieg gewinnt, stehen Deutschland und Europa vor der Herausforderung, Putin davon abzuhalten, auch noch nach anderen Ländern zu greifen. Angesichts des Zustands der Bundeswehr mit zahlreichen Mängeln und fehlender Ausrüstung wären die Taurus-Raketen eines der wenigen wirkungsvollen Waffen, mit denen Deutschland Putin beeindrucken könnte.

In der Öffentlichkeit sagte Scholz bisher nichts von solchen Motiven. Stattdessen betont er, der Ruf nach Taurus-Marschflugkörpern sei derzeit nicht das Drängendste im Ukraine-Krieg: Stattdessen müsse die Ukraine rasch mit mehr Munition versorgt werden.

Doch das eine schließt das andere nicht aus. Roderich Kiesewetter, Verteidigungsexperte der Union, betonte gegenüber Merkur.de von IPPEN.MEDIA die Wichtigkeit von Taurus-Lieferungen an die Ukraine: „Es muss klar sein, wenn Putin nicht in der Ukraine gestoppt wird, erhöht sich die Kriegsgefahr für uns alle massiv“, erklärte der CDU-Politiker. Auch sein Parteikollege Johann Wadephul, ebenfalls zuständig für Sicherheitspolitik, sagte gegenüber Merkur.de, es sei „mittlerweile Allgemeingut“, dass die Ukraine dringen auf Taurus-Raketen angewiesen sei.

Scholz verstrickt sich bei Taurus-Frage in eigene Argumentation

Doch Scholz scheint sich in ein schwaches Argument nach dem anderen zu verstricken. Erst betonte er, Deutschland müsse dafür deutsche Soldaten in die Ukraine schicken. Mehrere Fachleute widersprachen – und auch der Inhalt des abgehörten Gesprächs zwischen ranghohen deutschen Luftwaffenoffizieren war ein anderer.

Scholz wurde daraufhin vorgeworfen, er hege in Wahrheit Misstrauen gegenüber der Ukraine, wolle den hochkomplexen deutschen Taurus nicht aus der Hand geben. Auch der Sicherheitsexperte Ulf Steindl vom „Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik“ sagte im Gespräch mit Merkur.de, dass wohl dieses Motiv hinter Scholz‘ Ablehnung stecke. Genauso wie Scholz‘ Angst vor der russischen Reaktion, sollte die Ukraine den Taurus für Angriffe auf russisches Territorium nutzen.

Der Kanzler selbst hat sich vor solchen Sorgen bisher nicht klar geäußert. Längst bekannt ist aber seine zögernde Art, was die Unterstützung der Ukraine betrifft – er selbst wertet sie als notwendige Besonnenheit. Doch Scholz muss sich dadurch auch den Vorwurf anhören, er lasse sich von Russlands Präsidenten Putin zu sehr einschüchtern.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Hat Scholz zu viel Angst vor Putin? „Man riecht ja den Angstschweiß“

„Das Problem bei Olaf Scholz ist ja, man riecht ja den Angstschweiß“, warf ihm beispielsweise CDU-Politiker Jens Spahn am Mittwoch (13. März) in der Sendung „Frühstart“ von RTL/ntv. „Putin spürt ja, dass da ein ängstlicher, verzagter Mann die größte Nation Europas führt.“ Aus Frankreich kamen ähnliche Töne: Ein Berater Macron soll über Scholz gelästert haben, dieser suche sofort nach einem Bunker, sobald Putin nur huste.

Großbritannien brachte dann vergangene Woche eine Lösung ins Spiel, die Scholz auf den ersten Blick gefallen könnte: Einen Ringtausch bei Taurus-Raketen. Die Idee: Großbritannien liefert weitere Marschflugkörper des Typs „Storm Shadow“ an die Ukraine und bekommt dafür von Deutschland Taurus-Raketen. Doch Scholz ist: dagegen. Regierungssprecher Steffen Hebestreit ließ auch nach dem Vorschlag aus Großbritannien von Scholz ausrichten: „Die Entscheidung steht“. Scholz habe „klar gesagt, dass er weder direkt noch indirekt eine Beteiligung deutscher Soldaten an diesem Konflikt akzeptieren möchte“.

Regierungsbefragung zu Taurus im Bundestag - Scholz muss harte Fragen der Opposition fürchten

Am Mittwoch (13. März) wird sich Scholz bei der Regierungsbefragung im Bundestag harte Worte von der Opposition anhören müssen. Die Union wollte Scholz eigentlich in einer Sondersitzung des Verteidigungsausschusses mit Widersprüchen in seiner Argumentation konfrontieren, was dieser jedoch ablehnte.

Am Donnerstag (14. März) wird im Parlament zudem erneut über einen Antrag der Union zu Taurus-Lieferungen abgestimmt werden. Eine Mehrheit dafür wird es mit ziemlicher Sicherheit aber nicht geben. (smu mit Material von dpa)

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