Weil die „Leos“ ausgehen

Aus Mangel an Nachschub: Ukraine-Armee schiebt Hybrid-Panzer auf Schlachtfeld hin und her

  • Patrick Mayer
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Die ukrainischen Streitkräfte setzen im Süden und Osten der Front wieder verstärkt alte Panzer gegen Russlands Invasion ein. Das zeigt das Dilemma Kiews.

Saporischschja - Die militärische Lage wird für die Ukraine im Krieg mit Russland immer schwieriger. Während die ukrainische Armee sehnsüchtig auf weitere Leopard-2-Panzer wartet, werden ihre Stellungen zunehmend von den russischen Luftstreitkräften mit FAB-Freifallbomben bombardiert.

Gegen Wladimir Putins Truppen: Ukrainische Armee muss Panzer verlegen

Nicht zuletzt hakt es bei den Ukrainern am Nachschub modernerer westlicher Panzer, während immer mehr amerikanische M1 Abrams sowie britische Challenger 2 auf dem Schlachtfeld zurückbleiben und die Invasionstruppen von Moskau-Autokrat Wladimir Putin regelrecht Jagd auf deutsche Leopard-2-Kampfpanzer machen.

Deswegen sind die Verteidiger im Ukraine-Krieg offenbar zunehmend dazu gezwungen, ihre verbliebenen Panzer aus Beständen der Nato an der Front hin- und herzuschieben. Und zwar zwischen Osten und Süden über viele Kilometer hinweg. Darauf lassen Video-Aufnahmen der ukrainischen Armee schließen, die diese bei X (vormals Twitter) geteilt hat.

Waffen für die Ukraine: Leopard 2, M1 Abrams, Challenger – viele Panzer verloren

Heißt: Panzer werden flexibel immer dorthin geschickt, wo es am meisten brennt. Das kostet Zeit und Treibstoff, und es ist nur einer unter vielen Hinweisen, dass den Streitkräften Kiews mittlerweile neben Munition immer öfter auch schweres Kampfgerät fehlt, um dem Ansturm der Russen robust standhalten zu können.

Bitter: Wie das US-Magazin Foreign Affairs Ende Januar berichtet hatte, hatten die ukrainischen Bodentruppen bis dahin angeblich 26 „Leos“ verloren – von (mindestens) 76 gelieferten Leopard 2 aus verschiedenen Nato-Staaten wie Deutschland. Wie dagegen die viel zitierte niederländische Open-Source-Website Oryx Anfang März schrieb, waren unter den Panzer-Verlusten bis dahin sogar 17 Leopard 2A4 und zwölf Leopard 2A6.

Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

Die Bundeswehr nutzt den Kampfpanzer Leopard in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in den jüngeren Modellen von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen. Die Ukraine erhält Panzer des Typs Leopard 2 A6. Das 62,5 Tonnen-Gefährt war bei seiner Einführung im Jahr 2001 als verbesserte Variante des A5 etwa mit neuer Hauptwaffe versehen worden. Das Modell A6M verfügt zudem über einen erhöhten Minenschutz.
Der US-Kampfpanzer M1 Abrams gleicht dem Leopard 2 in weiten Teilen. Den M1 Abrams gibt es seit 1980 in mittlerweile drei Hauptvarianten. Seit dem Modell M1A1 ist eine 120-Millimeter-Kanone an Bord. Die vier Insassen werden von einer Stahl-Panzerung vor Angriffen geschützt. Mit 1500 PS kommt der je nach Modell bis zu 74 Tonnen schwere Abrams auf eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 68 Kilometern pro Stunde. Anders als der Leopard 2 wird der M1 Abrams über eine Gasturbine mit Kerosin angetrieben.
Die Hauptwaffe der US-amerikanischen Bradley-Schützenpanzer besteht aus einer 25-Millimeter-Maschinenkanone M242 Bushmaster, die zwischen 100 und 200 Schuss pro Minute verschießen kann. Zudem sind die gepanzerten Kettenfahrzeuge, die nach General Omar N. Bardley benannt sind, mit Maschinengewehren des Typs M240 sowie panzerbrechende Raketen ausgestattet. Die Besatzung umfasst bis zu zehn Soldaten: Fahrer, Kommandant, Richtschütze sowie bis zu sieben Soldaten als Infanterietrupp. Der Panzer wurde dafür konzipiert, im Verbund mit Panzerartillerie und Kampfhelikoptern zu operieren.
Beim AMX-10 RC aus Frankreich handelt es sich um einen amphibischen Spähpanzer. Der Panzer wird aufgrund seiner schwereren Panzerung und Bewaffnung hauptsächlich bei der Aufklärung eingesetzt. Ausgestattet ist er mit einer 105-Millimeter-Kanone, wodurch er auch als Panzerjäger verwendet werden kann. Die Besatzung besteht aus mindestens vier Soldaten. Bei einer Gefechtsmasse von 14,2 Tonnen ist der Panzer mit 85 km/h extrem mobil.
Panzer, Drohnen, Luftabwehr: Waffen für die Ukraine

M-55S aus Slowenien: Ukraine-Armee setzt verstärkt auf Hybrid-Panzer

Laut des ukrainischen Portals Defence Express gingen bis Mitte März zudem etwa zwei Challenger-2-Kampfpanzer aus Großbritannien durch Feindeinwirkung verloren. Fünf weitere Challenger können offenbar mangels Ersatzteilen nicht repariert oder gewartet werden. London hatte insgesamt 14 Exemplare geliefert. Die Ukrainer setzen auch deshalb verstärkt wieder auf so bezeichnete Hybrid-Panzer M-55S aus Slowenien.

Ljubljana hatte bereits Ende 2022 insgesamt 28 Exemplare der M-55S bereitgestellt. Das Besondere: Der Panzer verbindet die Wannen und Türme sowjetischer T-55-Panzer aus den 1950er-Jahren mit modernen israelischen Feuerleitsystemen und einem klassischen britischen 105-Millimeter-Hauptgeschütz L7. Wie das amerikanische Nachrichtenmagazin Forbes zu dem Video der Ukrainer schreibt, fällt eines auf: Im Herbst waren die M-55S noch bei der bekannten 47. mechanisierten Brigade „Magura“ im Osten des geschundenen Landes im Einsatz, zum Beispiel im Raum Awdijiwka im Donbass.

Gegen Russland: Ukraine hat nicht mehr genügend Panzer für mehrere Verbände

Die 127. Brigade, die das Video teilte, hält dagegen südlich von Saporischschja und westlich von Orichiw die Frontlinie unweit des Kachowkaer Stausees – also im Süden der Ukraine. Das Video zeigt noch etwas: So nutzen die Soldaten den Panzer offenbar als Art Haubitze. Das heißt: Sie schießen mit einzelnen Panzern auf weiter entfernte Ziele, meiden eine direkte Konfrontation. Wohl auch, weil nicht mehr genügend Panzer verfügbar sind, um daraus an mehreren Stellen der Front Kampfverbände mit mehreren Fahrzeugen zu bilden.

Lücken sollten eigentlich mit einem riesigen Waffenpaket aus Leopard 1A5 aus den 1960er Jahren aus Beständen der deutschen Rüstungsindustrie geschlossen werden. Bis Ende 2023 wollte das Bundesverteidigungsministerium in Kooperation mit Dänen und Niederländern der ukrainischen Armee eigentlich 80 Stück zur Verfügung stellen. Geliefert sind aber, Stand 22. März, erst 30 „Leos“ 1. (pm)

Rubriklistenbild: © Screenshot X@DefenceU