Kommentar zum Wetter
Sechs Grad wärmer als Klimamittel? Diese Juli-Prognose ist eine Protz-Prognose
VonTobias Beckerschließen
In einer Vorhersage heißt es, der Juli 2023 wird bis zu sechs Grad wärmer als das langjährige Klimamittel ausfallen. Extrem und völlig übertrieben, findet echo24.de-Wetter-Redakteur Tobias Becker.
Übertreibung beim Wetter ja, Protz-Prognose nein! Das Wetter in Baden-Württemberg sorgt seit Monaten und Jahren immer wieder für Schlagzeilen. Im Winter waren die Monate bereits deutlich wärmer als normal. Normal meint das langjährige Klimamittel der Jahre 1991 bis 2020. Auch die Sommermonate bereiten dementsprechend Sorgen. Zu heiß, zu trocken. Was bedeutet das für die Landwirtschaft, die Lebensmittel- und Wasserversorgung? Wie viele Hitzetote gibt es in diesem Jahr? Kleine Kinder, die fahrlässig im Auto gelassen werden. Ältere Menschen, die dehydrieren, weil niemand auf sie achtet?
Sechs Grad zu warm im Juli? Aussage irritiert
Schon der Juni war deutlich zu warm und deutlich zu trocken. Die Dürre scheint kaum jemanden zu interessieren. Dabei ist sie in Baden-Württemberg vergleichsweise schlimm beim Blick auf die Trockenheit in Deutschland. Dennoch: Das Wasser im Freibad reicht noch, also kein Problem. Doch die Hitze steigt auch zu Kopf. Prügeleien, Messerattacken und sexuelle Übergriffe in Schwimmbädern wie in Malsch, Mannheim und Stuttgart zuletzt. Hitzige Wortgefechte, heftige Unfälle im Straßenverkehr. Alles schon im Juni erlebt. Und der Juli soll erneut zwei Grad wärmer als das langjährige Klimamittel werden. Oder kommt es sogar noch schlimmer?
Auf einer Wetterseite war nun von einem Juli zu lesen, der sechs Grad wärmer als das neue Klimamittel werden soll. Puh, da breche ich als Nicht-Meteorologe, aber durchaus wetteraffiner Schreiberling, in Schweiß aus. Ich sehe nicht mein geliebtes Schwimmbad baden gehen. Ich denke nicht, dass es noch mehr Hitzetote geben wird, nur wegen der Aussage. Ich bin... sagen wir, irritiert. Woher kommt die plötzliche 6-Grad-Teufelei?
Juli sechs Grad zu warm: Protz-Prognose, die Sorgen bereitet
Seit Wochen und Monaten ist von bis zu zwei Grad die Rede. Die Prognose, eine ohnehin eher als Tendenz zu wertende Monatsprognose zu lange im Voraus, wurde bislang vom amerikanischen CFS-Modell getroffen. Dieses CFS-Modell ist sogar für gestandene Meteorologe im Forschungsbereich anzusiedeln, lag aber in den vergangenen Monaten häufig richtig. Die 6-Grad-Prognose wirkt im Vergleich dazu nach einer Protz-Prognose.
Ein: „Schaut her, wir haben einen heißeren Juli!“ Übertreibungen beim Wetter sind üblich. Sie sind okay, wenn sie angemessen sind. Sie beschreiben das Wetter auch als Gefühlslage. Schwitze-Hitze, weil man bei der Hitze schwitzt. Wetter-Wahnsinn, da es wahnsinnig ist, wenn nach über 30 Grad plötzlich schwüles Wetter mit Tornado-Gefahr droht. Solange die Vorhersage nicht aus der Luft gegriffen ist, können die Menschen sich danach richten. Schließlich ist kaum ein Service-Thema so täglich aktuell wie das Wetter.
Eine solche Aussage, fernab von den bisherigen Ankündigungen, schreit nach Aufmerksamkeit. Das muss nicht sein. Die Sorge vor dem Sommer 2023 dürfte sowieso schon groß genug sein. Nochmal: Ich bin kein Meteorologe. Ich erlebe das Wetter genauso wie Sie. Ich will wissen, ob das Straßenfest im Ort ins Wasser fällt, was ich mit den Kindern am Wochenende machen kann. Beim Wetter will ich keine Angst haben. Ich möchte planen können. Sorgen mache ich mir bereits bei zwei Grad zu warm – da bedarf es keiner Protz-Prognose!
Rubriklistenbild: © Michael Weber/Daniel Scharinger/Imago, Collage echo24.de

